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Das Ticken der Kuckucksuhr füllte als einziges Geräusch den Raum, als Manuela hektisch die Schublade des altdeutschen Wohnzimmerschrankes durchwühlte. Unzählige Papiere lagen ungeordnet herum, aber Manuela hatte keine große Hoffnung, die begehrte Bescheinigung zu finden. Plötzlich zuckte sie zusammen, das vertraute Quietschen des Hoftors war zu hören und gleich darauf das Brummen des alten Passats ihrer um drei Jahre jüngeren Schwester Ilona. Schnell drückte Manuela den Wust Papier zurück in die Schublade, die sich nur mühsam zurückschieben ließ, schloss ab und rannte die Treppen hoch zum Schlafzimmer der Eltern, um den Schlüssel an seinen Platz in der Nachttischschublade zurückzulegen.

Ihre Eltern nach dem Verbleib des Schriftstückes zu fragen, brachte nichts. Mutter bekam dann immer so einen starren Gesichtsausdruck, wenn Manuela danach fragte und Vater moserte: "Könne mer net später die Urkund uner dem ganze Papierkrempel suche."

Der Schlüssel drehte sich im Schloss und anhand des fröhlichen Plauderns hörte sie, dass Ilona offensichtlich ihre beste Freundin Jeanette mitgebracht hatte.

"Hallo Manuela, ach wusste gar nicht, dass du auch da bist!", wurde sie von Jeanette begrüßt.
"Hast du wenigstens Kaffee für uns aufgesetzt?", nörgelte ihre Schwester. "Oder was hast du sonst den ganzen Tag bei diesem schönen Wetter im Haus getrieben?"
"Gelernt habe ich", antwortete Manuela. "In ein paar Wochen ist das große Finale der Krankenschwesternausbildung."
"Na, Ilona“, lenkte Jeanette ein. "Lass sie mal schön lernen, dass sie die Prüfung besteht, wir brauchen ja dringend ein paar fähige Krankenschwestern bei dem Pflegenotstand der gerade herrscht."
"Ich wäre überglücklich, wenn ich endlich mal diese blöde Geburtsurkunde finden würde. Eine Angestellte beim Regierungspräsidium hatangerufen und gemahnt, dass ich diese Bescheinigung dringend benötige, um zur Prüfung zugelassen zu werden."
"Frag mich nicht, wo du deinen Papierkrempel versteckt hast", bemerkte Ilona spitz. "Ich jedenfalls habe meine Unterlagen und Bankauszüge ordentlich abgeheftet in einem Ordner, das erspart mir manches hektische Gewühl."

Manuela verzichtete auf einen Kommentar, setzte Kaffee auf und holte Mutters Obstkuchen aus dem Kühlschrank. Die Köpfe dicht zusammengesteckt saßen die beiden Mädchen kichernd beieinander.
"Eigentlich könnte Jeanette Ilonas Schwester sein und nicht ich", dachte Manuela. "Außer unseren blauen Augen haben wir nichts gemeinsam."

Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Freundinnen führte wohl von ihren mahagonifarbenen Pagenköpfen mit den schräggeschnittenen Ponys her. Ilona bewunderte ihre Freundin abgöttisch. Jeanette war im Großen und Ganzen der klassische "Modeltyp": Sehr groß und schlank, nahezu dünn, mit langen Beinen und einer schmalen Taille. Jeanette war sich ihrer Attraktivität bewusst. Sie hatte auch Ilona dazu gebracht, mehr aus ihrem Typ zu machen und dadurch ein bisschen an Selbstbewusstsein zu gewinnen. In ihrem Selbstvertrauen gestärkt, gelang es Ilona schließlich Giuseppe, den attraktiven Kellner ihrer Stammpizzeria, zu erobern.


Während die beiden Freundinnen eifrig in ein Lästergespräch über ihre dummen Arbeitskollegen bei der Stadtbücherei Offenbach vertieft waren, schlich sich Manuela, eine Kaffeetasse in der Hand, heimlich vom Tisch weg.

Irgendwo muss doch diese Geburtsurkunde zu finden sein, so was wirft man doch nicht einfach weg! Es ließ ihr keine Ruhe, sie schlüpfte erneut ins Schlafzimmer und kramte den Schlüssel hervor. Auf Zehenspitzen schlich sie ins Wohnzimmer zurück. Ilona und Jeanette hatten sich inzwischen in den Garten verzogen. Ab und zu hörte man das schrille Kichern von Jeanette und das abgehackte Gackern von Ilona.

"Die sind beschäftigt", dachte Manuela und sie kniete sich wieder vor die herausgezogene, schwere Schublade.

Manuela nahm einen muffigen Geruch nach altem Papier war. Zwischen den Briefen und Dokumenten sah sie ein paar gelbstichige Fotos von ihren Großeltern und ein Hochzeitfoto ihrer Eltern. Sie fühlte sich fünfzehn Jahre zurückversetzt und erinnerte sich an ihre Tante Dorothea - die 'Albertinger Thea' - und an dieses Lächeln, wenn Manuela sie in ihrer kleinen Stube im Haus ihrer Eltern besuchte.
Aber Träumen war jetzt nicht angesagt, wenn sie heute noch Erfolg bei der Suche haben wollte.

Ah, ganz da hinten war etwas. Es fühlte sich wie eine kleine Kiste an oder so eine Art Schatztruhe. Manuela lauschte auf Geräusche von draußen, als aber außer dem Gekicher und Plaudern nichts zu hören war, zog sie das Kästchen hervor. Mit ihm kamen einige lose Blätter herausgeflattert, die sie hastig wieder zurücksteckte.

Halt, war das nicht etwa der Abschiedsbrief von Matthew?

Manuela übersetzte aus dem Englischen:
"Es tut mir leid, Liebling. In meiner Heimatstadt Atlanta, verliebte ich mich in eine wundervolle Frau. Meine Beziehung zu ihr hatte von Anfang an viel mehr Tiefe als unser Verhältnis jemals hatte. Ich werde sie im Frühjahr heiraten."

Manuelas Augen begannen zu brennen. Sie erinnerte sich noch an den Tag, als sie nichts Böses ahnend diesen Brief geöffnet und ihn wie erstarrt zur Seite gelegt hatte. Alles in ihrem Kopf war leer, sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Ihre Schwester war damals neben sie getreten und hatte gefragt, was in dem Brief stand.
"Nichts Besonderes", hatte Manuela ihr tonlos geantwortet. "Matthew hat mit mir Schluss gemacht."
Sie musste in diesem Moment ziemlich blass und unglücklich ausgesehen haben.
Ilona musterte sie daraufhin mit einem kalten Blick und fuhr sie an: "Reiß dich mal gefälligst zusammen. Mutti hat wieder diese schlimme Migräne. Du wirst doch jetzt kein Theater machen, wegen einem GI, der schon seit über einem Jahr zurück in den Staaten ist, und den du so oder so nicht mehr zu Gesicht bekommen hättest!"

Manuela erinnerte sich an diese herzlose Szene, als ob sie erst gestern stattgefunden hätte. Damals dachte sie, Ilona gäbe ihr die Schuld daran, dass sie "ihren Mäwi" nicht mehr zu sehen bekam. Ilona mochte Matthew sehr und sie hatte doch immer so gerne Englisch mit ihm zusammen gelernt.
"Vielleicht auch 'französisch', in Ilonas Bett", dachte Manuela voller Hass. Hätte sie damals einen Beweis dafür gehabt, dass ihre Schwester in einem mehr als nur kumpelhaften Verhältnis zu ihrem Freund gestanden hatte, so wäre das ein Anlass für sie gewesen, endlich mehr Abstand zur Familie zu bekommen.

"Warum hebe ich diesen Scheißbrief noch auf!" rief Manuela voller Wut. Sie nahm den Wisch und zerriss ihn in kleine Fetzen, die sie in den Papierkorb schmiss. "Aber für etwas war meine Beziehung zu diesem Typ gut. Ich habe daraus gelernt, niemals wieder nur die 'zweite Geige' zu spielen."

Ihre Partnerschaft war zum Schluss alles andere als gut gewesen. Matthew hatte immer weniger Zeit für sie gehabt. Er schien nicht mit ihr, sondern mit seiner Armee liiert zu sein. Manuela fühlte sich wie eine Hure, die man mal kurz für zwischendurch nimmt, um dann wieder frisch gestärkt zur Arbeit zu gehen. Auch ihr Vertrauen zu ihm war zerstört, sie nahm ihm seine Ausreden und Halbwahrheiten nicht mehr ab. Der Gedanke an eine andere Frau an seiner Seite, ließ sie nicht mehr los. Und dann wunderte sich dieser Matthew noch, wenn ihre sexuellen Höhenflüge ausblieben. Heute konnte sie es nicht mehr verstehen, warum sie bei seiner Abreise in die Staaten geweint hatte und ihr dieser Abschiedsbrief damals so einen Schlag versetzte. Liebeskummer hatte sie nicht mehr, aber ein drückendes Gefühl in der Magengegend blieb, wenn sie an ihn erinnert wurde.

Sie versuchte an etwas anderes zu denken, die negativen Gedanken zu verbannen.

Sie wurde aus ihrer Wiege gehoben und fühlte die weiche Wärme von Theas Brust. Leise sang sie ihr ein Schlaflied vor. Es war schön, in Theas Armen einzuschlafen. Angenehm war es Kind zu sein und sich um nichts in der Welt kümmern zu müssen.

Manuela zuckte zusammen, denn aus dem Garten hörte sie rasche Schritte näher kommen und gleich darauf das laute Schwatzen ihrer Schwester: "Und heiß ist es heute! Ich könnte in einer Tour nur trinken, das ist nicht mehr normal! Komm, lass uns ins Haus gehen, im Kühlschrank stehen noch ein paar Flaschen "Pfungstädter".

Hastig schloss Manuela die Schublade, vergewisserte sich, dass kein verräterisches Stück Papier draußen lag und eilte mit 'Schatzkästchen' und Schlüssel in der Hand zum Schlafzimmer. Nachdem er wieder an Ort und Stelle war, verstaute sie die Schatulle ganz unten in ihrer Reisetasche.

Manuela ging mit ihren Medizinbücher in den Garten um zu lernen. Ein gutes Abschneiden bei der Krankenpflegeprüfung war ihr sehr wichtig. Kaum hatte sie es sich in einem Liegestuhl bequem gemacht und sich in ein Lehrbuch über Anatomie vertieft, da kamen Ilona und Jeanette erneut in den Garten zurück. Ilona schwenkte einen Computerausdruck in der Hand.
"Es hat geklappt, ich hab jetzt die Bestätigung. Das Ferienhaus ist in der ersten Oktoberwoche frei!"
"Willst du auch mit nach Kroatien?", fragte Jeanette. "Aber das dürfte etwas schwierig für dich werden, denn wir fahren mit unseren 'Männern' da hin. Du bist immer noch solo?"
"Ich hatte nach der Sache mit Matthew keine Lust mehr auf eine neue Beziehung."
"Das mit Matthew war doch nichts gewesen", lachte Jeanette. "Erzähl doch keine Sprüche. Selbstverständlich willst du wieder jemanden kennen lernen, aber es klappt nicht. Versuch doch mal etwas aus dir zu machen. Geh zu einer Stylingberatung oder nimm wenigstens mal ein paar Kilos ab."
"Dass ich dann so aussehe, wie du, Hungerhaken", dachte Manuela und sagte mit einem Blick auf die Uhr: "Werde es mir mal durch den Kopf gehen lassen. Muss jetzt aber los, ich will noch mit einem Arzt über meine Examensarbeit sprechen."

Wütend warf sie ihre Reisetasche auf den Rücksitz, schmiss die Autotür zu und startete mit quietschenden Reifen.
"Das mit Matthew 'war doch nichts gewesen'. Diese Wut und schlaflosen Nächte. Diese Angst um ihn, als er im Irak im Einsatz war. Und nicht zu vergessen, auch die schönen, leidenschaftlichen Stunden, die wir miteinander verbracht hatten, 'das war doch nichts gewesen'!", ärgerte sich Manuela.

In ihrem Zimmer angekommen, kramte sie aus ihrem Werkzeugkoffer, Beißzange, Brechstange und Schraubenschlüssel hervor. Mit einem Krachen sprang der Deckel beim zweiten Versuch auf und ein Holzsplitter bohrte sich schmerzhaft in ihre Hand. Manuela leckte das Blut ab und wickelte ihre Hand in ein Taschentuch. "Das wär's gewesen", dachte sie. "Wenn ich diese kostbaren Bescheinigungen vollblute." Ihr Herz raste vor Aufregung, als sie auf die über den Tisch verstreuten Unterlagen aus dem 'Schatzkästchen' schaute. Entsetzt sah sie den Totenschein ihrer Tante Thea bei den Papieren auf dem Bett liegen. Den wollte sie jetzt nicht sehen. Obwohl die "Albertinger Thea" nicht besonders beliebt bei ihrer Familie war, wäre dieses Formular besser bei dem elterlichen Papierkram im Wohnzimmerschrank aufgehoben.

Fremde Männer in Uniform kamen in die Wohnung. Auf einer Bahre trugen sie ihre leblose Tante Thea aus dem Haus.
"Die 'Albertinger Thea' ist nun bei den Engeln im Himmel", sagte die Mutter zur kleinen Manuela, die zu ihrer Tante eilen wollte.

Manuela biss die Zähne zusammen und entfernte mit einer Pinzette den Splitter aus ihrer Hand.

"Deine liebe Tante Thea war schwer drogenabhängig", erklärten ihr die Eltern viele Jahre später. "Und sie starb dann an einer Überdosis Heroin."

Das Telefon läutete. Genervt überlegte sie, wer sie um diese Uhrzeit noch anrufen wollte und hob den Hörer ab.
"Ich bin Giuseppe", meldete sich der Freund ihrer Schwester.
Manuela stutzte, räusperte sich: "Hey Seppel, woher hast du meine Telefonnummer vom Schwesternwohnheim?"
"Bin bei deiner Schwester im Haus. Die Ilona hat versucht anzurufen, wegen Wohungsschlüssel. Du hast versehentlich Schlüssel deiner Familie mit in Tasch gepackt. Du aber nixe ans Telefon gegange. Da habe ich gedrückt Wahlwiederholungstaste. Wollt frage, ob du heut Abend ein bisschen Zeit für mich hast. Hab große Problema, kann nicht schlafen."

Manuela wollte zuerst fragen, warum er nicht Ilona seine Sorgen anvertraute, sagte aber: "Okay, komm vorbei. Ruf mich aber übers Handy an, wenn du vor dem Wohnheim stehst. Die schließen nämlich das Hauptportal schon um acht Uhr ab. Ciao, bis dann!"
Nachdenklich schaute Manuela aus dem Fenster auf die dunklen Bäume des Klinikgartens. Giuseppe war schon immer ein sehr lebhafter und fröhlicher junger Mann gewesen, der gerne mit hübschen Frauen flirtete. Manuela hatte manchmal das Gefühl, er wäre ein bisschen in sie verliebt und dieser Gedanke schmeichelte ihr sehr. Doch er war für sie tabu, schließlich war er der Freund ihrer Schwester.

Manuela schaute auf die Uhr. In ungefähr einer halben Stunde würde er hier sein. Sie ging ins Bad, bürstete ihre langen, dunklen Locken über dem Kopf durch und warf dann das Haar mit einem Schwung zurück. Sie malte mit einem Konturenstift den schönen Schwung ihrer Lippen nach und trug mit einem Pinsel ihren Lieblingslippenstift - karmesinrot - auf. Sie war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Eine hübsche, junge Frau schaute sie an.

Manuela sah auf das Etikett der Weinflasche. Es war ein Spätburgunder, älteren Jahrgangs. Den wollte sie eigentlich für einen besonderen Anlass aufheben.
"Wenn der arme Seppel Probleme hat, wird so ein guter Tropfen ihm gut tun", dachte sie und drehte den Korkenzieher nachdenklich in ihrer Hand, als das Telefon klingelte.
"Okay Seppel, ich komm."
Noch einen letzten Blick in den Spiegel und schon rannte sie die Stufen hinunter.

Giuseppe war ein sehr angenehmer Anblick, mit seiner schulterlangen Mähne, die er mit einem Gummi zu einem Zopf zusammengefasst hatte und seinen schwarzbraunen Augen, umrandet von langen, geschwungenen Wimpern, um die ihn einige Frauen beneideten.
"Ciao, bella Manuela", grüßte er sie leise.

Der Abend war sternenklar und die Luft mild.
"Komm“, forderte Manuela ihn auf und hakte sich freundschaftlich bei ihm unter. "Lass uns ein Stück durch den Klinikpark laufen und du erzählst mir dann, warum mein Schwesterherz dich so gekränkt hat."
Giuseppe seufzte: "Als ich kam vor fünfe Jahre nach Deutschland, lernt ich kenne schöne Frau, Ilona. Hätt nix gedacht, dass sie mich verarsche tut, seit wir ware zusamme."
Seine Augen funkelten, wütend rief er: "Is' nix mehr mit Amore. Kann' net glücklich sein mit Frau, die mich hat betrügt. Ich war so glücklich mit Ilona. Ich nixe wusste von andere Mann."

Giuseppe und Ilona, das ehemals glückliche Paar.
Auf den ersten Blick war ihre Schwester eine aparte, gertenschlanke Frau. Jedoch wenn man sie länger anschaute, störte ihr oftmals so verschlossener Gesichtsausdruck. Die schmalen Lippen waren dann zu einem Strich zusammengepresst und ihre leicht hervortretenden Augen mit den hellen Wimpern hinter ihrer dicken Brille schauten starr durch einen hindurch. Manuela wunderte sich, dass so ein Junge wie Giuseppe ihre Schwester anziehend finden konnte.

Giuseppe stöhnte: "Ilona kann sein so eklig eifersüchtig, wenn ich mal lach' mit hübsche Fraue in unserem Ristorante. Aber sie hatte mich betroge vor ein paar Jahr mit andere' Mann."
Manuela schaute ihn mitleidig an und dachte bei sich: "Was bist du nur für ein Weichei!"
"Und das hast du erst heute Abend erfahren?", fragte sie erstaunt.
"Erfahre' durch Zufall. Ich wollt besuche' Ilona, lief vorbei an Haus. Wohnzimmerfenster war offe', niemand aber hatte gesehe' mich. Ilona und Jeanette saße' da und guckte 'Tagesschau'. Kame' Nachrichte aus Irak, wo immer noch is' Krieg. Beide habe dann gesproch' von deine' Freund."

Manuela rieb sich mit den Händen über ihre Wangen, die sich taub anfühlten und fragte Giuseppe: "Und du bist dann stehen geblieben und hast gelauscht?"
"Scusa, Manuela ich musste bleib' stehe' und höre' zu, was die Ragazza habe zu erzähle gehabt. Ging net anders."

Manuelas Zunge lag dick und rau in ihrem trockenen Mund. Sie sehnte sich nach einem Schluck Wasser.

"Ilona dann gesagte, sie oft hat getroff' sich mit deine' Freund. Matthew dir nix sage", bemerkte er mit einem Seitenblick auf Manuela. "Dein' Schwester hat erzählt, Matthew hätt ihr beigebracht, richtig sprech englisch. Sinn' immer näher gerückt dabei, bis sie lage zusamme auf Couch. Sie hat gesagte, Matthew wäre lieb, fürsorglich", Giuseppe schnaufte verächtlich auf. "Phantasievoll und ausdauernd."

Manuela schaute nachdenklich auf die dunklen Tannenwipfel, die sich leicht im Wind hin und her bewegten.
"Jetzt ist mir klar, wo er steckte, wenn er mir damals versprach, mich zu besuchen, dann doch nicht vorbeikam und auf dem Handy nicht erreichbar war. Angeblich hätte ihn sein Sergeant immer kurzfristig vor unserem Treffen zur Seite genommen und ihn für irgendeinen Sonderdienst in der Kaserne eingeteilt. Er kritisierte oft mein Misstrauen und meine ach so grundlose Eifersucht."
Giuseppe nickte abwesend.
Manuela zog mit einer aggressiven Bewegung die Jacke vor ihrer Brust zusammen und maulte: "Mir ist kalt, ich hab keinen Bock mehr, weiter im Park herumzurennen."
Stumm gingen die beiden den Weg zurück zum Wohnheim.

Schon auf dem Flur hörte Manuela das laute Klingeln ihres Zimmertelefons. Sie bat Giuseppe, schon mal den Wein zu entkorken und nahm den Hörer ab.
"Tausendmal hab ich versucht dich anzurufen", hörte sie die vor Aufregung schrille Stimme von Ilona.
"Na, hör mal ...", setzte Manuela zu sprechen an.
"Ich weiß nicht, was da abgeht. Giuseppe war heute aus einem mir unbekannten Grund ganz komisch und abweisend. Dann hat er etwas gelabert von 'ins Schwesternwohnheim gehen' und ist grußlos davongerannt. Ist er etwa bei dir?"
"Nein", antwortete Manuela, "Giuseppe ist nicht bei mir im Wohnheim" und legte den Hörer auf.
"Warum du lüge?", fragte Giuseppe.
"Weil meine Schwester eine dumme und völlig unsensible Person ist, die uns beiden jetzt nicht gut tut."

Manuela goss mit Schwung den Rotwein in die Gläser.
"Prost, auf uns zwei arme Verlassene", scherzte Manuela.
"Salute", antwortete Giuseppe.

"Offensichtlich reizte Ilona die Gegensätzlichkeit zwischen den beiden Typen von Männern", überlegte Manuela.
Sie führte sich ihren Ex-Freund Matthew vor Augen. Er war groß und breitschultrig, seine Haare trug er sehr kurz geschnitten. Er verkörperte den harten Kerl, eine richtige amerikanische "Kampfmaschine". Giuseppe mit seinen schulterlangen Locken und seinen zarten Gesichtszügen, war das androgyne Gegenstück zu Matthew.
"Wie wird er wohl mit freiem Oberkörper aussehen?", dachte Manuela und trank ihren Rotwein aus. "Ob er Haare auf der Brust hat oder entfernt er diese mit Wachs?". Sie fühlte sich heiß und kribbelig und hatte das Bedürfnis, sein Hemd aufzuknöpfen. Giuseppe sah sie aufmunternd an und fragte: "Willst du mal gucken, mein Tattoo?"

Manuela nickte. Giuseppe stand ihr gegenüber. Sie roch den herb-süßen Duft seines Rasierwassers. Manuela knöpfte ihm langsam das weiße Hemd auf. Schön war der zarte Bogen seines Brustbeines. Giuseppe war dünn, aber keineswegs knochig oder mager. Die Tätowierung war eher trivial, ein kleines Herz, mit den beiden ineinander verschlungenen Buchstaben G und I.

Sie löste den Haargummi und seine schwarzen Haare fielen weich auf die Schultern.
Giuseppe umarmte Manuela, drückte sie fest und verzweifelt an sich. Sie streichelte seinen Nacken. Er ließ sich langsam mit ihr aufs Bett gleiten und Manuela spürte seine Lippen, diesen großen, und sinnlichen Mund. Lange Zeit nach ihrer Beziehung mit Matthew spürte sie wieder Begierde. Bei Guiseppe war es anders als bei Matthew. Er war traurig, schön und war da, um genommen und genossen zu werden. Es bestand keinerlei Verpflichtung zwischen ihnen. Giuseppe würde gehen und kein Gefühl der Trauer bliebe zurück.

Das Telefon schrillte. Manuela zuckte zusammen und löste sich aus Guiseppes Umarmung.
"Lass klingele", sagte er rau. "Ich möchte nix mehr wisse von Ilona."

Fröstelnd zog Manuela ihre Wolldecke über ihrer Brust zusammen und ging zum Apparat auf dem Nachttisch, um das nervende Klingeln zu unterbrechen.

"Sorry Seppel", sagte sie. "Ich muss wissen was los ist, schließlich ist sie meine Schwester."

"Hallo, hier Uhland", meldete sie sich.
"Ach, da haben wir ja die dreckige Schlampe", rief Jeanette mit rauer Stimme. "Deine Schwester ist nur noch ein heulendes Bündel Elend. Ich habe ihr gerade ein Beruhigungsmittel eingeflößt, damit sie endlich schlafen kann. Und das alles, weil es bei ihrer großen Schwester Manuela, nie mit einer Partnerschaft klappt! Ein Mann musste her. Musste es denn ausgerechnet Giuseppe sein! Ilona ist so fertig. Wenn sie sich was antut, hast du sie auf dem Gewissen! Ich werde ..."
"Liebe Jeanette", unterbrach Manuela das Geschrei. "Weißt du, was ich gerade im Begriff war zu tun, und bei was du uns gerade gestört hast?"
Sie legte den Hörer zurück auf die Gabel. Ihre Stimmung war vorbei.
"Ilonas Freundin hat mich gerade zur Sau gemacht", schniefte sie.
Guiseppe nahm sie tröstend in den Arm: "Nix traurig sein, Ragazza nix wert, dass man wegen denen vergießt Träne."

Es war schön seine Wärme zu spüren. Manuela wollte diese Nacht nicht alleine sein.

"Willst du bei mir übernachten?", fragte sie und begann die über dem Bett verstreuten Unterlagen einzusammeln. Da fiel ihr Blick auf ein Formular, das sie bisher noch nicht beachtet hatte. Darauf stand: "Manuela Albertinger, geboren am 02. Oktober 1982, Mutter: Dorothea Albertinger, Vater: unbekannt. Dorothea Albertinger verstorben am 31. Oktober 1986. Die Tochter Manuela Albertinger an Kindes Statt angenommen am 10. Dezember.1986 von den Eheleuten Bernhard Uhland und Ursula Uhland, geborene Albertinger."
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