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Das dachte sie: Ich könnte dich lieben. Aber wir werden es wohl nie erfahren, wir zwei. Das ist der Grund, warum ich so traurig bin.

Die Lichter des alten Ford Taunus schnitten sich durch den dichten Schneesturm. Es war spät, etwa drei Uhr morgens. Es war Mitte Dezember. Die heftigen Schneefälle hatten sich den ganzen Monat über angekündigt. Die Bewölkung war dichter geworden, das Licht matter. Und irgendwie – so schien es – war alles leiser geworden.
Nur nicht das Ticken im Herzen von Susan Eliot. Dieses Ticken war deutlich schneller als ihr eigener Herzschlag. Und das war kein Wunder. Es war der Herzschlag ihres ungeborenen Kindes. Nur im Herzen einer werdenden Mutter zu hören. Zu früh für medizinisches Gerät um festzustellen, ob es ein Junge oder Mädchen werden würde, aber zu spät, um geleugnet zu werden: Sie war schwanger. Der Vater? Schon längst über alle Berge. Einer jener Wanderarbeiter, der seine Arbeitskraft und seinen Samen über alle Bundesstaaten verschleuderte, mit einem schiefen Grinsen und unwiderstehlicher Mannhaftigkeit im Gesicht. Ausgestattet mit einer unwiderstehlichen Masche, mit der er bei jungen Frauen landen konnte, die in kleinen Industriekaffs im nördlichen Wyoming ihr Dasein fristeten. Und für jeden zärtlichen Blick empfänglich waren, egal, wie intensiv das Wort „Egoist“ dahinter flackerte.
Das war auch der Hauptgrund, warum sie dachte, daß sie das Kind lieben könnte: Den ungeborenen Sohn, das ungeborene Mädchen. Das bevorstehende Leben mochte das Resultat einer Hingabe sein, die völlig unbedacht auf dem Billardtisch im Hinterzimmer eines Nachtlokals kurz vor Sperrstunde gewährt worden war. Auch wenn sie später dachte, daß der Mann sich nur in ihr erleichtert hatte, mit diesem charmanten Jungengrinsen im Gesicht, tatsächlich hatte sie sich gefühlt wie eine Toilette aus Fleisch und Blut, ein Behältnis, in das der Mann sein Glied versenkte, um seine Tierhaftigkeit herauszuspritzen – es änderte nichts. Die Bereitschaft zu lieben schien ihr zum greifen nahe, eingebettet in ihre Gene. Susan Eliot war keineswegs prüde. Dennoch war dieser Mann erst der Dritte, mit dem sie Sex gehabt hatte. Und er war der Erste, dem sie aus einer momentanen Laune ihren Körper zur Verfügung gestellt hatte.
Und trotz dieser tröstlich nahen Liebe, die sie zu geben bereit war, saß sie in dieser smaragdharten Nacht in ihrem Auto, behielt die Tachonadel im Auge, die Temperaturanzeige und die Geschwindigkeit. Die Katzenaugen am Straßenrand wiesen ihr den Weg. Ein gerader Weg. Hinauf nach Montana, nach Red Lodge. Mike Fisher, der jahrelang seine Praxis in Sheridan gehabt hatte, war vor einigen Jahren mit seiner Frau in ihre Heimatstadt gezogen und hatte dort seine Praxis aufgemacht. Dem neuen Arzt, der nun auch schon seit acht Jahren in Sheridan ordinierte, traute sie nicht ganz über den Weg. Er war zu gelackt, zu jung und zu akademisch.
Der Schneefall ließ merklich nach. Drei Uhr früh, fand Susan, war die Wolfsstunde. Friedlich, aber nahe am Geheul einsamer Wölfe.
Der Himmel riß auf und in den Rissen in der Wolkendecke konnte sie den Glanz der Sterne sehen. Sie fuhr langsamer, denn in den flachen Schneeverwehungen, die wie Zungen von den Feldern auf die Strasse lappten, rutschte der Wagen immer wieder seitlich weg und sie hatte Mühe, ihn auf Spur zu halten. Die Konzentration forderte ihren Tribut. Sie hatte sich vorgenommen, die Strecke auf einen Sitz durchzufahren. Um nicht noch einmal nachdenken zu müssen. Sie hatte sich entschieden. Sie hatte Mike Fisher angerufen und den Termin für Freitag vormittag vereinbart. Sie hatte die Arbeit an ihrem neuen Buch unterbrochen, bitter geweint. Nichts ihren Eltern gesagt. Weder von dem, was in dieser Nacht im Hinterzimmer von Ronnys Nighstalker Livingroom passiert war, noch davon, was sie nun zu tun gedachte. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt. Sie mußte selbst wissen, was sie tat. Sie hatte sich immer durchgesetzt, gegen ihre Eltern, die benachbarten Farmer, gegen Männer, die allein lebende Frauen als widernatürliche Gefahr für die christliche Gesellschaft sahen.
Sie hatte immer schon gewußt, daß sie schreiben wollte. Und das tat sie auch. Nicht, daß sie davon reich geworden war, aber sie konnte sich das kleine Farmhaus leisten, daß acht Meilen südlich von der Farm ihrer Eltern befand.
Sie lenkte den Wagen an den Straßengraben und ließ ihn sanft ausrollen. Sie stieg aus, zuckte unter dem eiskalten Funkeln der Sterne zusammen und sah nach Norden, wo die Wolkendecke wie abgeschnitten endete, ausfranste und den nachtpolierten Himmel freigab. Der Anblick beruhigte und tröstete sie. Sie beugte sich in den Wagen und nahm die Thermosflasche vom Nebensitz. Sie trank Kaffee. Sie lauschte in sich. Ob sie das Kind hören konnte. Susan sah sich um. Die Sicht wurde zunehmend klarer – die Wolkendecke riß weiter auf, wie Stoff, der auseinandergerissen wurde. Der Mond ließ gelbes Licht auf die weite Landschaft fallen. Alles war still und weich. Das Land legte sich in erstarrten Wellen zu ihren Füßen nieder. Gegen Norden wurden die Hügel höher und steiler, alles stieg an; näher zum Mond, näher zum Himmel.
Du solltest das sehen, dachte sie. Mit deinen eigenen Augen. Und riechen und fühlen. Weißt du was? Ich habe Angst vor dir. Dass der Samen deines Vaters stärker sein könnte, als meine Liebe, und dass du werden könntest, wie er ist. Damit könnte ich nicht leben. Ich kann dich nicht alleine groß ziehen und dir all den Halt bieten, den ein Kind braucht, ein Teenager. Und später, ein junger Erwachsener. Ich bin nicht… ich bin nicht darauf vorbereitet, Mutter zu werden. Nicht so, nicht auf diese Art. Nicht mit einem Vater, der nie ein wirklicher Vater sein kann, der meine Brustwarzen geknetet hatte wie Hartgummi, als es ihm kam. Und der vermutlich dachte, ich sei geil, als er mein schmerzverzerrtes Gesicht gesehen hatte. Weißt du, wann es mich vor ihm ekelte? Als ich seinen glasigen Blick sah. Seine feuchte Unterlippe, das glänzende Kinn. Als er seinen feuchten Schwanz an meiner Jeans abwischte.
Er hat etwas von sich in mir zurückgelassen. Und das wächst heran. Es könnte etwas von ihm in dir sein. Etwas von seinem Wesen. Und vielleicht würde ich dann auf dein Grinsen immer wieder hereinfallen, so wie ich auf das geile Grinsen deines Vaters hereingefallen bin. Es würde mich daran erinnern – immer und immer wieder, daß ich in dieser Nacht nicht glücklich war, nicht einmal befriedigt. Nur auf grimmige Art zurechtgerückt.
Susan stieg in den Wagen und ließ den Motor an. Sie stellte den Hebel auf Fahrt, wischte sich die Augen trocken und gab Gas. Als sie auf die Straße sah, war es zu spät. Der Wagen ruckte und die dunkle Gestalt wurde auf den Kühler geschleudert. Sie bremste so hart sie konnte und der Körper rutschte links von der Motorhaube in den dichten Schnee.
„Oh mein Gott. Ach du heilige… gute Güte!“ Susan stieg aus, am ganzen Körper zitternd, und tastete sich an der Wagenseite entlang. Im Mondlicht sah sie, daß sie einen Mann angefahren hatte. Einen jungen Mann, nein, einen Jungen. Er hatte eine gefleckte Armeehose an, Schnürstiefel und einen schwarzen Anorak, dessen Kapuze mit einem Pelz besetzt war. Er hatte eine schwarze Haube auf, die er tief in die Stirn gezogen trug. Er hatte jede Menge Eisen im Gesicht. Ein Piercing in der Unterlippe, eines im linken Nasenloch, zwei Ringe oben im rechten Ohr. Er war etwa fünfzehn Jahre alt. Er robbte einen Meter von ihr weg, schüttelte den Kopf und sah sie dann über die Schulter an. „Aua!“ Das klang nachdrücklich und empört. Er setzte sich auf, streckte die Arme, verdrehte den Kopf und ließ das Genick knacken. „Madam, das war ein Volltreffer. Ich bin wahrscheinlich der einzige, der hier auf dieser Strasse zu Fuß geht. Und sie sind wahrscheinlich die einzige, die hier mit dem Auto lang fährt. Echt, ein Volltreffer.“ Er grinste. Susan spürte einen kleinen Stich im Herz. Das war dieses kleine geile Grinsen, als ob sie hier eine Teenagerversion von Robert, dem Ficker Wanderarbeiter vor sich hätte. Nur war dieses Grinsen wesentlich zärtlicher, sehr jungenhaft und auch ein wenig unsicher.
Verrückterweise fragte er sie: „Haben sie sich was getan? Verletzt?“
Sie schüttelte langsam den Kopf. Dann antwortete sie: „Nein, nichts. Was ist mit dir? Was machst du überhaupt hier draußen? Um die Zeit? Hast du dich verletzt? Tut dir was weh?“ Er schüttelte den Kopf und stand auf. Er putzte sich den Schnee von der Hose, vom schwarzen Anorak. Sein Grinsen verschwand und er sah sie ernst an: „Könnten sie mich mitnehmen? Es ist echt arschkalt hier draußen.“ Susan war unsicher. Sollte sie? Oder war das ein ausgetüfteltes Überfallsmanöver? Sie sagte: „Also ich weiß nicht, ich…“
„Kommen sie, Lady. Sie haben mich angefahren. Hier, wo in dreißig Meilen Umgebung genau gar nichts ist. Außer ungefähr drei millionen Tonnen Schnee und Eis, geben sie sich nen Ruck, ok?“
Er sah sie treuherzig an und blinzelte ihr zu. Sie nickte zögernd, dann nachdrücklich. Er ging um den Kühler herum, machte mit den Zeigefingern ein Kreuz und flüsterte lächelnd: „Weiche, Satan. Du hast mich ins Knie gefickt.“
Susan lächelte ihm über das Autodach zu: „Wo lernt man solche Ausdrücke, junger Mann? Nehmen sie sich zusammen!“ Er lachte und stieg ein. „Sind sie ne Lehrerin?“
Sie schloß die Fahrertür, startete den Motor, brachte den Wagen auf die Strasse und fuhr los. Er hatte sich die Füße abgeklopft, als er sich in den Wagen gesetzt hatte, um keinen Schneematsch auf der Fußmatte zu hinterlassen. Das war weiß Gott keine große Sache, aber Susan wertete das als sichtbares Zeichen einer guten Erziehung. Obwohl er aussah wie der typische Skaterpunk, ein White Trash Kid, war an seinem Benehmen nichts wirklich Flegelhaftes. Unter seiner schwarzen Haube quollen goldblonde Haare hervor wie Stroh aus einer aufgerissenen Matratze. Wieder ein Stich in ihrem Herzen. Sie fuhr vorsichtig, geradezu ängstlich. Immerhin hatte sie jetzt einen Passagier. Er lümmelte sich in die rechte Ecke, wischte mit dem Ärmel über die beschlagene Seitenscheibe und sah hinaus.
„Wie heißt du?“
Er sah sie aufreizend an und antwortete: „Weiß nich´. Geben sie mir einen Namen.“ Sie erwiderte seinen Blick verunsichert und doch auch amüsiert. Die Begegnung hatte eindeutig etwas Traumhaftes und unwirkliches. Und: Sie mochte ihn. Es regte sich etwas in ihr, daß ihr völlig neu war. Das wärmende Gefühl eines Instinkts. Es umfaßte und durchdrang sie. Noch hatte sie keinen Namen dafür, aber sie ahnte, daß ihr dieses Gefühl auf Dauer gefallen könnte.
Sie überlegte eine Weile und sagte dann: „Ich nenne dich Mark. Paßt das?“
Er legte den Kopf schief als ob er nachdachte und nickte dann bedächtig: „Klingt gut. Und wenn sie es sagen, klingt es besonders gut. Echt schrill.“
Susan lachte. Sie lenkte den Wagen mit knapp sechzig Meilen pro Stunde auf der schnurgeraden Straße nach Norden.
Er fragte: „Was machen Sie eigentlich…“
Sie fragte: „Was machst Du eigentlich…“
Sie lachten. Dann lächelten sie. Sie fühlte sich wohl. Und auch verwirrt.
„Ich habe heute am Vormittag einen Termin beim Arzt in Red Lodge.“
„Sie fahren von Wyoming nach Montana um einen Arzt zu treffen? Lady, daß ist kraß.“
„Er war früher in Sheridan. Er zog vor ein paar Jahren mit seiner Frau nach Red Lodge. Ich vertraue ihm. Und für das, was ich vorhabe, brauche ich einen Arzt, dem ich vertrauen kann.“
„Das klingt ziemlich dramatisch, Ma´am, wenn ich das mal sagen darf.“ Er machte mit seiner Stimme John Wayne nach und sie sah zu ihm rüber und sie mußte schon wieder lachen. Es war nur ein Junge. Ein hübscher Junge. In seinem Gesicht war noch viel kindliches, eine Art unbefleckte Freude, trotz all dem punkigen Zeug. Er war wahrscheinlich ungefähr so unverdorben wie der Morgentau im Sommer, wie der erste Schnee des Winters. Er sah sie auffordernd an. Sie antwortete seinem Blick: „Ich will nicht darüber reden, ok?“
„Ok. Aber sie könnten drüber reden, wenn sie wollten, ja?“
„War das jetzt eine Einladung?“
Mark nickte ernst. Dann flüsterte er: „Mir kommt vor, daß man immer dann sagt, man möchte nicht drüber reden, wenn man sich nicht hundertprozentig sicher ist, daß es richtig ist, was man tun will.“
„Oder, ob es andere verstehen. Meine Eltern würden es nicht verstehen. Nein, sie würden es absolut nicht verstehen. Ich verstehe es nicht einmal selbst.“
„Das ist blöd.“ sagte Mark.
Sie schwiegen fast eine Stunde lang. Sie ließen die Wolkendecke hinter sich, fuhren unter Sternen. Das Land schimmerte samtblau. Mark drehte eine Zeit lang lustlos an den Knöpfen des Radios herum. Als er merkte, daß er entweder nur Rauschen oder religiöse Sender rein bekam, ließ er es bleiben. Schließlich brach Susan das Schweigen und sagte leise, fast flüsternd: „Ich bin schwanger. Und ich will das Kind wegmachen lassen.“ Sie wußte nicht, warum sie das einem ihr völlig fremden Jungen anvertraute, aber sie hatte in der letzten Stunde darüber nachgedacht. Sie war sicher, daß sie einfach explodierte, wenn sie nicht darüber sprechen würde. Von dem Jungen schien ein merkwürdiger Sog auszugehen. Etwas dunkles und verlangendes, nichts aber, daß auch nur im entferntesten als bedrohlich aufgefaßt werden konnte. Sie versuchte, das Thema zu wechseln: „Du hast mir noch immer nicht gesagt, was du hier heraußen treibst. Mitten in der Nacht, in dieser… Endlosigkeit.“
„Ich dachte, ich muß raus, wissen sie? Ich war schon im Bett und alles, und auf einmal dachte ich, ich muß aufstehen und los. Das war so gegen halb elf Uhr nachts. Meine Mutter ist heute Nacht auf einer Party wegen einem Buch oder so.“
„Und dein Vater?“
„Den hab ich nie gesehen. Mama weint manchmal wegen ihm. Ich glaube, mein Vater war ein Scheißkerl. Ich hasse ihn. Ich bin raus… dann nahm mich ein Reisevertreter mit. Ich hatte schon Angst das er, sie wissen schon, also das er mir an die Wäsche wollte. Wollte er aber nicht. War echt nett. Aber bei Truxhall war Schluß. Er fuhr auf den Parkplatz von der Motelanlage… sie müssen da auch vorbeigekommen sein, und da ging ich einfach weiter. das Beste ist: ich hab keine Ahnung wieso. Ich komme mir echt völlig verheddert vor…“
Susan stutzte. Sie kannte das Wort verheddert im Zusammenhang mit Verwirrung. Sie hatte es in ihrem letzten Roman einem alten Trinker in den Mund gelegt. Nicht auf der Bestsellerliste. Aber die Schecks kamen regelmäßig und sicherten ihren kleinen Haushalt.
Sie sah, daß Mark an seinem Knie herumrieb. „Ist was? Hast du dich doch verletzt?“
Er zuckte mit den Schultern, beugte sich vor und dröselte die Stoffschnur auf, mit der man die Hose unten so zubinden konnte, daß sie eng am Stiefel anlag. Dann zog er das Hosenbein bis zum Knie hoch. Über dem Knie hatte er einen dunklen Bluterguß. Er fluchte leise: „Verdammt. Das Spiel nächste Woche kann ich mir schenken.“ Er rieb über die Stelle und zog Luft zwischen den Zähnen ein. Susan flüsterte: „Das sieht aber übel aus. Es tut mir so, es tut mir leid Mark, echt.“
Er machte einen Schmollmund, zuckte mit den Schultern und schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln: „Ich bin ja hier blöd in der Gegend rumgestanden.“ Er schob das Hosenbein nach unten und band es zu.
Es wurde fünf Uhr früh. Die Dunkelheit wurde durchlässiger. Susan nannte dieses ‚nicht ganz dunkel sein’ in ihren Geschichten gerne „katzengrau“.
Sie sah aus dem Augenwinkel, daß Mark mehrmals ansetzte um etwas zu sagen. Er holte Luft, beugte sich vor, verknotete die Finger – all das, Zeichen dafür, daß er etwas loswerden wollte aber nicht wußte, wie.
„Mark? Du willst doch etwas sagen, nicht?“
„Mhm.“
„Raus damit.“
Er druckste noch eine Weile rum und er tat ihr schon leid, da fragte er gepreßt: „Ma´am, was denken sie: Kann es Entscheidungen geben, die man trifft, und dann irgendwie, ich weiß nicht, für immer bereut, daß man sie getroffen hat? Das man sich wie in der Hölle vorkommt, weil man sich immerzu fragt: Was wäre gewesen, wenn ich das nicht getan hätte? Wenn ich mich anders entschieden hätte?“ Er atmete auf. Es war heraußen.
Sie kamen an ein paar Tankstellen vorbei. Flache Motelanlagen versanken im Weiß der Felder. Hin und wieder ein anderes Auto, ein früher Truck. Alles sehr langsam und bedächtig.
„Du meinst mich damit, ja? Weil ich abtreiben lassen möchte.“
Mark wurde rot. Das konnte sie sehen. Er stotterte, als er antwortete: „Ich... ja, äh… Es geht mich ja wirklich nichts an und überhaupt. Aber… ich meine… glauben sie, daß diese Frage nicht kommen wird?“
„Was für eine Frage? Ob die Entscheidung richtig war?“
„Nein. Ich meine, nicht nur. Wie er oder sie jetzt aussehen würden. Wenn sie, was weiß ich, sieben Jahre später an einem Spielplatz vorbeigehen, ja? Und sie sehen da die Kinder spielen. Was würden sie fühlen? In welchem Zimmer würde das Kind leben? Welche Freunde hätte es? Und wie warm würde sich das Lächeln in Ihrem Gesicht anfühlen?“
Susan dachte, die letzte Frage könnte sie beantworten. So wie deines, dachte sie. Genau so wie deines. Wenn du mein Sohn wärst, würde ich dich lieben. Ich könnte dich lieben. Wirklich, das könnte ich. Sie sah ihn mit soviel Zärtlichkeit an, daß er sich berührt abwendete, an seiner Unterlippe kaute und zum Fenster hinaus sah. Etwas später sagte er leise: „Es tut mir leid, das war wohl etwas… unverschämt.“
Sie legte ihm ihre rechte Hand auf die Schulter und sagte erstickt: „War es nicht. Es waren die einzig wichtigen Fragen. Für hier und jetzt waren sie richtig.“
Er wirkte erleichtert. Aber er sah sie auch nicht mehr direkt an, so, als ob er etwas in ihrem Blick entdecken könnte, daß ihn unangenehm berühren würde. Er knabberte am Daumennagel und starrte zum Fenster hinaus.
Sie erreichten Red Lodge im Morgenverkehr. Im Norden erhob sich majestätisch der Bears Tooth Gebirge, glitzernd im Morgenlicht. Mark wurde unruhig. Er wetzte am Sitz herum, knetete wieder seine langen, schlanken Finger. Sie blieb bei einer roten Ampel stehen. Rechts war eine Bäckerei, gegenüber ein Frühstückscafe, auf der anderen Seite ein Haushaltsgeschäft und eine Wäscherei. Er wirkte auf einmal gehetzt. Er flüsterte rasch: „Ich steig hier aus. Ich geh da rüber auf einen Kaffee…“
„Soll ich dich nicht wieder mitnehmen? Nach Sheridan? Ich fahre in zwei- drei Stunden zurück, wenn ich das… erledigt habe.“
„Nein danke. Ich besuche hier einen Schulfreund… und äh, ja, dann fahr ich mit einem Trucker zurück. Wäre ja nicht das erste mal.“
„Weiß das deine Mutter? daß du dich da so rumtreibst?“
Er war schon halb aus dem Wagen, als er sich umdrehte und sie umwerfend anlächelte: „Ich fürchte ja, Ma´am. Vor ein paar Wochen hat sie mal zu mir gesagt, ich sei ein Rumtreiber. Und ich soll bitte, wenn ich jemals als Anhalter fahren sollte, nur bei alten Ladies mitfahren. Aber mir ist noch nie etwas passiert. Kann auch gar nicht. Ich bin ein Glückskind.“
Und damit knallte er die Beifahrertür zu und war mit ein paar großen Schritten beim Frühstückscafe.
Sie glaubte ihm kein Wort. Er hatte hier sicher keinen Freund. Er wollte nur aus dem Wagen raus. Sie sah ihm nach, wie dieses Bündel an Jugendlichkeit im Geschäft verschwand, da hupten hinter ihr die Autos. Es war grün und sie fuhr los.
Später, auf dem Parkplatz vor dem kleinen Einkaufszentrum, hinter dem Mike Fisher seine Praxis hatte, blieb sie im Auto sitzen und dachte nach. Gründlicher denn je. Aber sie dachte in Gefühlen und Bildern, nicht in Sätzen. Sie hörte Wortfragmente, wie Echos, eine Kinderstimme, die „Mama“ sagte. Die Frage, wie warm ein Lächeln sein kann, glitzerte im Morgenlicht.
Der Sonnenaufgang war ein goldener Farbenrausch. Alles war hell und groß. Die Klarheit des jungen Morgens war erschütternd.
Ein alter Mercedes rollte auf den fast leeren Parkplatz. Sie sah auf – alles verschwommen wegen der Tränen. Es war Mike Fisher. Sie kurbelte das Fenster hinunter: „Hallo Mike.“
Der dicke, kleine Mann mit der Stirnglatze drehte sich um, bückte sich, um in den Wagen sehen zu können. Er verzog das Gesicht zu einem strahlenden Lächeln und breitete die Arme aus: „Sue, Schätzchen. Da bist du ja schon. Wie war die Fahrt? Ach scheiße, wie geht es dir, Liebes?“
Sie stieg aus. Wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht und lächelte tapfer.
Dann gingen sie hinein.

Zwei Stunden später kam Susan aus der Praxis. Sie ging aufrecht, mit erhobenem Haupt. Sie lächelte.
Das Ticken unter ihrem Herzen hatte aufgehört. Nein, besser: Es hatte sich in etwas anderes verwandelt. In ein kleines Herz, daß auf sein Recht pochte, schlagen zu dürfen.

An diesem Tag fuhr sie gegen drei Uhr Nachmittags nach Hause zurück. Bereit, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen. Und vielleicht auch bereit, in Zukunft nicht mehr nur an sich selbst und an ihr eigenes Leben zu denken sondern auch an das Leben eines Menschen, der mit Herzschlag und Geschrei, mit Lachen und Weinen sein Recht einforderte, am Leben zu sein.

Sechzehn Jahre später kam Susan Eliot gegen vier Uhr früh von einer Preisverleihung nach Hause. Ihr letztes Buch war vom Buchhändlerverband Montana gewürdigt worden, sie hatte eine Ansprache über sich ergehen lassen müssen und eine Rede gehalten. Sie hatte abgewunken, als man sie zum verstärkten Zechen verleiten wollte, und war nur bis Mitternacht geblieben. Sie wollte noch in dieser Nacht nach Hause zurück fahren. Sie hatte ein paar recht gute Ideen und Stimmungen, die sie in einer Kurzgeschichte unterbringen wollte. Und hier bei diesen zwar freundlichen, aber auch aufdringlichen Leuten wollte sie nicht bleiben. Sie verabschiedete sich vollkommen nüchtern, setzte sich in ihren Wagen und fuhr nach Sheridan, wo sie noch immer lebte. Wo sie ihre Romane schrieb, schön langsam Gefühle für den jungen Tischler Sam Sheppard entwickelte, wo ihr halbwüchsiger Sohn in seinem Zimmer schlief. Sie hoffte, daß er schlief. Er war so ein Rumtreiber. Immer unterwegs, immer Ameisen im Arsch. Sie befürchtete, daß er sich auch im Winter rumtrieb. Es hatte heftig geschneit, aber die Strassen waren gut geräumt. Und der Junge hatte einfach soviel Hitze in sich, daß ihm der Winter einfach egal war.
Sie erreichte die Einfahrt zu ihrer Farm gegen halb fünf Uhr morgens. Sie stellte den Wagen hinter dem Haus ab, ging in die Küche und brühte sich koffeinfreien Kaffee auf. Während das Wasser im Kocher heiß wurde, ging sie auf Zehenspitzen in den oberen Stock und öffnete leise die Tür zum Zimmer von Mark. Sie hatte ihn so genannt, weil der Junge so geheißen hatte, der ihr damals, nervös und ängstlich die richtigen Fragen gestellt hatte. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, ob der Junge ihr je seinen wirklichen Namen gesagt hatte; war ja auch egal. Sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie er ausgesehen hatte. Wenn sie sich die Fahrt von damals in Erinnerung rief, war sie nie ganz sicher, ob sie sich das nicht einfach nur zusammen fantasiert hatte. Ein schöner Junge, der philosophische Fragen stellen konnte, aussah wie ein kleiner Punk?
Sie stolperte über Marks Schnürstiefel, die er mitten im Zimmer hatte stehen lassen. Sie nahm sie, unterdrückte einen Fluch und stellte sie in den kleinen Abstellraum. Dann stolperte sie über seine Hose. Sie hob sie hoch. Es war die gefleckte Armeehose, die er seit einem Monat Tag und Nacht trug. Sie roch daran. Sie roch wie ein Wintertag.
Mark lag im Bett. Die Decke hatte er runtergestrampelt. Er hatte nur seine weißen Shorts an. Er atmete ruhig, gleichmäßig. Er war so schön und sie war so stolz, seine Mutter zu sein, daß sich ihr in solchen Momenten immer ein Kloß im Hals steckte. Sie flüsterte: „Mein schöner Sohn. Mein Sohn.“
Sie zog einen Zipfel der Bettdecke unter Marks Füßen hervor und er drehte sich mit einem Seufzen zur Seite, preßte sich die Faust unter das Kinn und kaute auf der Unterlippe. Das tat er immer. Immer, wenn er gut drauf war, glücklich war, aufgeregt oder wenn er gut schlief. Sie wollte ihm schon die Decke überziehen, als sie im Licht des Korridors einen Fleck auf seinem rechten Knie sah. Sie ging etwas zur Seite, um mehr Licht auf die Stelle fallen zu lassen. Sie unterdrückte einen Schrei. Sie unterdrückte sogar ein Wimmern.
Mark hatte über dem rechten Knie einen ziemlich dunklen Bluterguß.
Sie blieb an diesem frühen Morgen lange am Bett ihres Sohnes sitzen. Sie streichelte sein Haar und er kuschelte sich im Schlaf näher an sie ran. Als er noch nicht geboren war, da hatte sie gedacht: Ich könnte dich lieben.
Als er dann zur Welt kam, dachte sie: Ich werde dich lieben. Und jetzt dachte sie, daß ihr Sohn sein und ihr Leben gerettet hatte, bevor er geboren worden war. Er hatte das schiefe Grinsen seines lang vergessenen Vaters, aufgelockert durch all die Liebe und Fürsorge, die sie ihm geben konnte.
Unten in der Küche kühlte das Wasser im Schnellkocher ab. Hier oben im Zimmer ihres Sohnes gab sie Salbe auf seine Wunde. Zwischendurch wachte er einmal kurz auf, blinzelte. Sah sie an. Zuerst unsicher, dann mit einem müden und nachlässigen Grinsen: „Mama? Was´n los? Alles klar? Wie wars?“
Sie sagte: „scht, scht. Schlaf. Schlaf weiter.“
Sein Kopf sank auf das Kissen zurück, seine langen, blonden Haare verteilten sich wie ein Heiligenschein auf dem Kissen. Er flüsterte irgend etwas von einem irren Traum, den er gehabt hatte. Sie stand auf und ging zur Tür, als sie ihn noch einmal murmeln hörte. Sie blieb stehen. Drehte sich um und lauschte. Es war der Tonfall, der sie aufhorchen ließ. Wortfetzen, sein Atmen. Dann: „… und wie warm würde sich das Lächeln in ihrem Gesicht anfühlen?“ Fast unverständlich. Aber doch. Sie unterdrückte ein Schluchzen und ging aus dem Raum. Sie war so glücklich, daß sie am liebsten geschrieen hätte. Aber statt dessen flüsterte sie nur: „Sehr warm. Die beste Wärme aller Zeiten.“
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