earnstar.de - Sparen-Gewinnen-Verdienen My Homepage
Meine letzte Klassenfahrt war in der achten.

"Herr Paulsen? Wie groß sind denn die Zimmer?"
"Ich habe euch doch schon einmal gesagt, dass ich es nicht weiß. Die Zimmer werden uns erst zugeteilt, wenn wir da sind. Aber ich schätze, es sind Sechs-Bett-Zimmer."
"Ja, klasse!"
"Hey, Klaas! Du kommst mit zu mir."
"Ich will aber nicht mit Monika ... War doch nur ein Witz."
Alle reden wild durcheinander, nur drei meiner Klassenkameraden sind auffallend still. Franziska hält ihre Arme fest vor der Brust verschränkt und zieht eine Schnute. Sie wird nicht mitfahren, weil sie sich mit ihren Freundinnen verkracht hat. Sie könne unmöglich in einem Haus wohnen mit diesen Gören.
Auch Markus und meine beste Freundin Michaela sagen nichts. Für ihre Familien sind solche Ausgaben schlicht nicht drin. Dabei fahren wir bloß in den Schwarzwald.
Ich habe Glück, dass mein Vater bei der Bahn arbeitet. So sparen wir wenigstens die Fahrtkosten.
"Leute! Darf ich jetzt wieder?" Unser Klassenlehrer versucht, sich Gehör zu verschaffen. "Ist das für alle klar? Um viertel vor sechs auf dem Bahnhof. Fünf Uhr fünfundvierzig. Morgens!"
"Boah, ist das früh!"
"Der Zug wartet nicht auf euch. Wer zu spät kommt, muss Zuhause bleiben."

***

Um halb sechs stehe ich mit meinen Eltern auf dem Bahnhof. Wir sind nicht die ersten. Es ist interessant, solch ein Getümmel zu beobachten. Die Eltern, die sich freudig begrüßen, und diejenigen, die sich aus dem Weg gehen, die Schüler, die sich in Gruppen zusammenstellen, Jungs in der einen Ecke, Mädchen in der anderen, bis auf Tim und Sonja, die sich unumwunden abknutschen - welche sind wohl ihre Eltern? Und die Lehrer, die zwischen allen Gruppen hin- und herlaufen, dabei Wichtigkeit ausstrahlen wollen und doch nur einem Häufchen Elend gleichen.
Um viertel vor geht die Hektik los. "Würden jetzt alle Schüler mal zusammenkommen?" Frau Söhnke wedelt mit den Armen, damit man sie auch ja bemerkt. "Wir wollen sehen, ob alle da sind."
"Lars fehlt noch", sagt irgendjemand.
"Was? Wir haben doch ausdrücklich gesagt: Viertel vor sechs!" Herr Paulsen ist in heller Panik. Der Zug fährt erst um viertel nach. "Gut, warten wir noch fünf Minuten", sagt er, schüttelt den Kopf und sieht mit großen Augen Frau Söhnke an. Die zuckt mit den Schultern.
Um sechs ist unser Klassenlehrer schier verzweifelt: "Was machen wir denn jetzt? Ich habe angerufen, aber keiner geht ran!" Und weg ist er. Er rennt immer zum Parkplatz, um zu sehen, ob nicht doch ein Auto hält, und dann wieder zurück. Es halten viele Autos, schließlich fahren auch normale Leute mit der Bahn. Diese Leute kommen auf den Bahnsteig, sehen unsere Gruppe und halten respektvoll Abstand.
Um acht Minuten nach schlendert Lars, seine Tasche auf der Schulter, gemächlich zu uns.
"Lars! Wir haben uns Sorgen gemacht! Wo sind deine Eltern?"
"Die sind malochen, wo sollen die denn sonst sein?" Eine gute Frage, auf die weder Herr Paulsen noch Frau Söhnke eine Antwort wissen. "Der Zug kommt doch erst in fünf Minuten", setzt mein Klassenkamerad erklärend hinzu.

Um sechzehn Minuten nach sechs fährt der Zug ein. Die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn. Nachdem wir eingestiegen sind, ist die Verspätung auf sieben Minuten angewachsen.

Es folgt eine lange Fahrt durch halb Deutschland - mit dem Bummelzug. "Dadurch müssen wir nur einmal umsteigen", erklärt Herr Paulsen. Er erklärt mir noch vieles, denn nach dem Umsteigen habe ich den letzten freien Platz bekommen, und der ist direkt neben ihm. Er erzählt von den Vorzügen des Schwarzwaldes, von seinen schönen Wanderwegen, die er alle höchstpersönlich in den letzten Sommerferien ausprobiert hat, von den lehrreichen Museen, die er höchstpersönlich ... ja, genau.
Irgendwann bin ich eingeschlafen.

***

Nachdem uns zwei Kleinbusse vor der Jugendherberge abgesetzt haben, geht es ans Verteilen der Zimmer. "Okay", sagt der Herbergsvater, "die Jungen haben zwei Zimmer im Hinterhaus und für die Mädchen gibt es zwei Acht-Bett-Zimmer hier drüben."
"Acht?"
"Hey, dann können wir ja doch zusammen."
Alle stürmen los. Die Herbergsmutter schafft es, mit ihrer Erfahrung, vorauszueilen. "Viel Spaß noch", sagt sie.
"Das Bett krieg ich!"
"Ich will am Fenster!"
"Ich schlaf doch nicht unten!"
"Monika, ich habe für dich freigehalten."
"Und was ist mit mir?"
"Frau Söhnke!"
Ziemlich hilflos stehe ich mitten in dem engen Zimmer. Von allen Seiten werde ich angerempelt.
"Was ist denn hier los?", fragt die kopfschüttelnde Lehrerin.
Tanja und Sonja schubsen sich. "Ich war zuerst hier." - "Nein, ich!"
"Sechzehn Betten für zehn Mädchen. Da ist nun wahrlich genug Platz. Warum verteilt ihr euch nicht?"
"Aber ich möchte doch bei Tina", schluchzt Sonja.
Tanja lacht: "Okay, okay. Ich gehe nach nebenan."
"Dann ist ja alles in Ordnung." Schon ist Frau Söhnke wieder verschwunden.
Mich hat niemand gefragt. Alle sehen über mich hinweg und packen aus.
Im Zimmer nebenan habe ich die Wahl zwischen drei Hochbetten. Tanja belegt das hinter der Tür.

***

Die erste Wanderung ist noch an diesem Tag angesagt. "Damit ihr die Umgebung kennenlernt."
Die Umgebung besteht aus Bäumen. Hohen Bäumen. Nadelbäumen. Ich glaube, es sind hauptsächlich Fichten. Auf jeden Fall sehen alle gleich aus.
Nach dem Abendbrot falle ich todmüde ins Bett. Nebenan lärmen neun Mädchen, kreischen, lachen. Wie machen die das bloß? Ach, egal.

***

Museum, Wanderung zum nächsten Museum, zwischendurch verlaufen, ich sage ja, dass hier alles gleich aussieht.
"Hallo Christine. Was läufst du denn hier so allein?"
"Das hat sich zufällig so ergeben", antworte ich. Was Lehrer immer für Fragen stellen.
"Schöne Gegend, nicht?"
Bezaubernd. "Ja, sicher."
"Und? Hat dir die Burg gefallen?"
"Och ja, ganz gut. Aber diese Filzschuhe waren komisch."
Frau Söhnke kichert leise vor sich hin. Was ist denn jetzt? "Ich muss dann mal wieder zu den anderen", sagt sie.

***

Natürlich geht es so weiter. Unsere Lehrer sind begeistert von den wunderhübschen Wanderstrecken und den beeindruckenden Museen. Meine Klassenkameraden spielen auf den Wegen Fußball mit Zapfen, hören unter Kopfhörern laute Musik oder erzählen sich die neusten, immer wilder werdenden Gerüchte, vorzugsweise über die Schüler der Parallelklasse. In der Nähe der Museen wird immer zuerst nach einem Laden Ausschau gehalten, dieser wird bei sich bietender Gelegenheit gestürmt und die Beute, vorzugsweise Alkoholika - was nicht immer, aber oft genug klappt - wird schnell in den untersten Winkeln der Rucksäcke verstaut.
Zurück in der Jugendherberge, nach dem Abendessen, lärmen die Mädchen nebenan; ich bin froh über mein ruhiges Zimmer - Tanja ist natürlich immer bei den anderen - wo ich endlich das nächste Kapitel meines Romans lesen kann.

***

"Hey, Christine?", fragt mich Theda beim Frühstück, "was machst du denn abends immer so? Hexenmessen?"
"Das geht doch nicht alleine", wirft Monika ein. Alle Mädchen kichern.
"Haha", entgegne ich.
"Nee, wirklich", bohrt Theda weiter, "was machst du?"
"Ich lese", erkläre ich genervt.
"Liebesschnulzen?" Grinsend spitzt Ulrike ihre Lippen und küsst Melanie auf die Wange. Die stößt sie entsetzt weg: "Igitt! Was soll denn das?"
Kopfschüttelnd beiße ich in mein Salamibrötchen.
"Wirklich, liest du Liebesromane?", will Ulrike wissen. Alle sehen mich gespannt an.
"Nein, ich lese keine Liebesromane", antworte ich wahrheitsgemäß und hoffe, nun meine Ruhe zu haben. Doch so viel Glück ist mir nicht vergönnt.
"Dann vielleicht einen Krimi? Eifersüchtige Frau bringt ihren Ehemann um, weil der eine Affäre mit seiner Sekretärin - natürlich 60-90-60 - hatte?"
Schallendes Gelächter meiner Klassenkameradinnen. Ulrike sieht sich verwundert um: "Was denn?"
"Die Sekretärin war wohl schwanger?", fragt Theda und zieht ihre Augenbrauen hoch.
Ulrike hat es immer noch nicht verstanden. "Kann ja sein", erwidert sie stirnrunzelnd, "aber darum geht es doch überhaupt nicht."
Im Gelächter über Ulrikes Unwissenheit geht das Interesse an meinen Büchern unter.

***

Ulrike zieht den ganzen Tag beleidigt durch die Gegend. "Dass ihr aus so einem winzigen Versprecher so einen Aufstand macht!", beklagt sie sich, doch die anderen kichern weiter.
Auf dem Fußmarsch zur Glashütte geselle ich mich zu ihr. "Ist doch nicht so wild", versuche ich sie zu beruhigen.
"Was willst du denn? Lass mich gefälligst in Ruhe!", fährt sie mich an, dreht mir den Rücken zu und beeilt sich, zu ihren Freundinnen zu kommen. Was habe ich falsch gemacht?

***

Als ich nach dem Abendessen auf mein Zimmer gehe, bemerke ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Ich hatte mein Bett ordentlich gemacht, wie üblich; jetzt liegt die Decke zerknautscht am Fußende.
Misstrauisch nähere ich mich dem Etagenbett, steige auf das untere und linse vorsichtig auf das obere. Warum macht mich das so nervös? Wahrscheinlich erinnert es mich daran, dass mein Bruder mir mal eine Gummitarantel in den Schlafanzug gesteckt hatte.
Entsetzt sehe ich auf das, was sich mir bietet. Kein Tier, ob echt oder künstlich, nur ein großer gelber Fleck in der Mitte des Lakens.
Ich drehe mich zur Tür, doch da ist niemand. Mein Herz pocht mir bis zum Hals. Scheiße, was soll das?
Und wer war das?
Dann höre ich jemanden hinter der Tür kichern. Ich stürme raus und blaffe Monika und Ulrike an, die dort stehen: "Wer war das?" Ich spüre die Tränen hochsteigen und versuche, sie zu unterdrücken.
"Was ist denn jetzt?", will Monika wissen und bemüht sich, mir ernst ins Gesicht zu sehen, doch das Grinsen kann sie nicht verbergen.
Ulrike hat sich mehr in der Gewalt. Sie setzt ein getürktes Lächeln auf. "Ist irgendwas passiert?", fragt sie mit einem mitleidigen Unterton in der Stimme, der so falsch ist wie ihr Lächeln.
Mein Kopf dürfte äußerlich inzwischen einer Tomate gleichen, das spüre ich. Innendrin jagen sich die Gedanken. Was sage ich? Was mache ich?
Ich bemerke Melanie, Theda und Tina, die albernd um die Ecke kommen und renne zurück in mein Zimmer.
"Das glaubt ihr nicht", höre ich Ulrike auf dem Flur sagen. Ich möchte verschwinden, doch irgendwie muss ich dem entgegentreten, oder nicht?
Die fünf Mädchen drängen sich in das Zimmer.
Ich versuche mich zu konzentrieren, sehe Ulrike starr ins Gesicht und frage mit der festesten Stimme, die ich herausbekomme: "Warum hast du das gemacht?" Das Zittern innerhalb des Satzes kann eigentlich keinem entgangen sein.
"Was soll denn das? Ich habe gar nichts gemacht", wehrt sich Ulrike.
"Was hast du in mein Bett gekippt?"
"Ulli hat gar nichts gemacht. Sie war die ganze Zeit mit mir zusammen", behauptet Monika.
Den zweiten Teil glaube ich.
"Ist doch nicht so schlimm, ich meine ...", stammelt Melanie.
"Was ist nicht so schlimm?", fahre ich sie an. "Dir hat ja keiner was ins Bett getan. Und wo soll ich jetzt schlafen?"
"Hey!" Monika schubst mich an der Schulter. Ich bin so überrascht, dass ich sie mit offenem Mund anstarre. "Jetzt gib uns nicht die Schuld, wenn du ins Bett pinkelst."
"Was?" Mehr kann ich nicht sagen.
"Lasst uns gehen", bestimmt Ulrike und mir bleibt nur, ihnen hinterherzuschreien: "Mistweiber! Ich habe nicht ..."

Schließlich packe ich Decke und Kopfkissen auf ein anderes Bett - dann muss ich eben ohne Laken auf der kratzigen Matratze schlafen.
Als Tanja spät abends ins Zimmer kommt, sagt sie kein Wort. Ich stelle mich schlafend.

***

Beim Frühstück am nächsten Tag kommt Frau Söhnke auf mich zu: "Wenn du vielleicht Heimweh hast, oder Probleme Zuhause, oder irgendetwas anderes, wir können darüber reden, ja, Christine?" Sie sieht mich mit einem überaus mitleidigen Blick an. Ich will einfach nur, dass sie weggeht, also nicke ich und widme mich wieder meinem Brötchen. Es schmeckt mir ganz und gar nicht.
Meine Klassenkameraden tuscheln, kichern, gucken zu mir herüber und Mirko gießt seinen Tee langsam von einer Tasse in eine andere.

***

Nach dem Mittagessen gehe ich auf mein Zimmer. Am Nachmittag haben wir Freizeit. Ich bin froh, dass ich nicht mit den anderen zusammen sein muss. Und am Samstag kann ich endlich nach Hause.

Wieder ist etwas im Zimmer verändert. Auch diesmal fällt es mir sofort auf.
Mein Bett ist frisch bezogen. Ein neues, strahlend weißes Laken ziert die blaugestreifte Matratze. Während ich noch überlege, was ich davon halten soll und mich auf das Bett schwinge, bemerke ich dieses Geräusch. Mit beiden Händen drücke ich auf die Matratze. Man hört es nicht nur, noch deutlicher spürt man es. Ich zupfe an einer Ecke das Laken herunter und kann einfach nur noch heulen.

***

Danach hat es bei mir ausgesetzt. Mechanisch packte ich meine Tasche. Ich lauschte in den Flur hinaus, alles war ruhig, meine Klassenkameradinnen - obwohl Kameradinnen es wohl kaum trifft - waren schon unterwegs; keiner hatte mich gefragt, ob ich mitkommen wollte.
Ich verschwand einfach. Hinterließ nur einen Zettel auf dem Gummilaken. Setzte mich in einen Bus zum Bahnhof und einen Zug Richtung Heimat. Nie war ich so froh, daßssmein Vater bei der Bahn arbeitet, wie in dieser Situation.
Natürlich gab es Ärger. Ich könnte doch nicht einfach nach Hause fahren - und ob ich das konnte!
Ulrike und Monika gaben später zu, dass es nur ein Witz gewesen wäre, und ich hörte eine Entschuldigung von ihnen. Sie war nicht sonderlich ernst gemeint, aber das war mir egal. Genauso egal wie alles, was zukünftig in der Klasse passierte - ich musste ja nur noch zwei Jahre durchhalten.

Wie gesagt, es war meine letzte Klassenfahrt.
Gratis bloggen bei
myblog.de