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Zitternd hielt sie die kleine Tablettenpackung in den Händen. Noch hatte Michaela nicht den Mut gefunden, sie zu öffnen. Stattdessen saß sie nun schon seit Stunden auf der alten und morschen Parkbank, um sie herum die beinahe graue Parkwiese.
Es war ein trostloser Anblick. Und auch der Wolken verhängte Himmel tat sein bestes, um dem gerecht zu werden.
Das eigentlich grüne Parkgelände war leer. Keine einiger maßen gesunde Seele traute sich aus dem Haus.
Die ersten großen Regentropfen klatschten auf den harten Asphalt. Nasse Flecken bildeten sich auf der kleinen Packung. Michaela konnte sich noch immer nicht dazu überwinden, sie zu öffnen. Sie schloss die Augen, während die Tropfen über ihr Gesicht flossen und sich mit einigen Tränen vermischten.
Ein leiser Fluch entfuhr ihr und wieder wanderte ihre Hand zu der Weinflasche. Immer noch zitterten die Hände des Mädchens. Ja nicht einmal die Flasche konnte sie an die Lippen führen, ohne, dass sie etwas verschüttete.
„Scheiße!“, schrie Michaela in den Regen hinein und warf die Flasche mit voller Wucht auf den Spazierweg. Es klirrte und der Rest der roten Flüssigkeit ergoss sich über die Glasscherben.
Die Tablettenpackung landete ebenfalls auf dem Boden, als Michaela ihr Gesicht schluchzend in den Händen verbarg. Um sie herum begann es aus allen Wolken zu regnen. Doch es war ihr egal. Der Regen war momentan wohl ihr kleinstes Problem. Was machte es denn auch schon, dass sie vollkommen nass wurde. Ihr Vater hatte sie an diesem Tag aus dem Haus geworfen. Und das wahrscheinlich für längere Zeit – wenn nicht gar für immer. Wie hätte ihre Mutter reagiert, wenn sie noch leben würde?
Michaela verstand ja, dass ihr Vater verärgert war. Er hatte sie „gewarnt“. Aber es war passiert und nun einfach nicht mehr zu ändern. Natürlich hatte sie Angst – vor allem in diesem Augenblick des Alleinseins. Wo sollte sie jetzt hin? Nach dem heutigen Streit würde sie auf jeden Fall nicht nach Hause gehen. Das konnte nun wirklich niemand von ihr verlangen. Und sie bezweifelte, dass ihr Vater sie einlassen würde.
Sollte sie zu Ben? Früher oder später musste sie es ihm erzählen. Es sei denn…Ihr Blick fiel auf die nun durchnässte Tablettenpackung. Sie konnte es frühzeitig beenden – noch bevor Ben es erfuhr. Im Übrigen würde er wahrscheinlich nicht sonderlich begeistert sein… Würde er… wütend reagieren? Panisch? Oder würde er sie sogar alleine lassen- wie es viele andere in seiner Situation wahrscheinlich machen würden?
Michaela war kalt, doch auch das war ihr egal.
Wie hatte das nur passieren können? Und vor allem, wann war es passiert? Sie hatte Angst. Nie hätte sie gedacht, dass etwas desgleichen gerade ihr passieren könnte. Duzende Male hatte sie Reportagen darüber gesehen. Und nun war es ihr selber passiert…
Ben… Er war nicht der Typ Mensch, der sich darüber freuen würde. Überhaupt fragte Michaela sich in diesem Augenblick, ob sie eigentlich zusammenpassten. Nur zu gut konnte sie sich an das erste Zusammentreffen erinnern. Sie war auf dem Weg zur Schule gewesen, als sie Ben in genau diesem Park mit einer Zigarette gesehen hatte – neben ihm ein stadtbekannter Schläger. Michaela hatte sich ihren Teil dazu gedacht und war einfach an ihnen vorbeigegangen. Was hätte sie sich denn auch mit ihnen unterhalten sollen? Sie hatte nichts mit Leuten wie ihnen zu tun und – wenn sie ehrlich war – wollte sie auch nicht wirklich etwas mit ihnen zu tun haben. Gut, Ben sah unglaublich gut aus. Vielleicht sogar auch sympathisch… Aber Michaela hatte sich nichts daraus gemacht.
Dann, während einer Schulparty, war sie ein zweites Mal auf ihn gestoßen – wenn auch eher zufällig. Ben – schon etwas angetrunken – hatte sich neben sie gesetzt, als sie für einige Augenblicke nach draußen gegangen war. Damals hatte Michaela ein ganz anderes Bild von ihm bekommen. Sie wusste nicht genau, ob es am Alkohol gelegen hatte, und doch hatten sie sich gut unterhalten, Namen ausgetauscht und gemeinsam gelacht. An diesem Abend hatte sie bezweifelt, dass Ben sich am nächsten Tag noch an sie erinnern würde. Aber er hatte es getan und es war der Beginn einer Freundschaft – wenn auch einer mit Folgen.
Bens Unterricht würde in wenigen Minuten zu Ende sein, das wusste sie. Seine Schule lag nur einige Meter weit vom Park entfernt. Michaela könnte auf ihn warten… - und es ich erzählen. Aber wollte sie das überhaupt?
„Michi?“ Beim Klang dieser Stimme zuckte das Mädchen unwillkürlich zusammen. Erst, als jemand einen schützenden Regenschirm über sie hielt, sah sie auf und blickte genau in Bens Gesicht. Warum musste er gerade jetzt auftauchen!?
„Michi, was… machst du hier? Was ist los?“ Er sah von der Tablettenpackung über die Flaschenscherben in ihr verweintes Gesicht und wollte ihre Hand nehmen, als sie plötzlich aufsprang und sich einige Schritte von ihm entfernte.
„I- ich-“ Weiter kam sie nicht. Ein zweiter Weinkrampf überkam sie. Sie konnte nichts dagegen tun.
Ben stand kurze Zeit verwirrt da. Dann endlich trat er näher und legte seine Arme um das Mädchen.
„Hey…Schsch…“ Der Regenschirm landete auf dem Boden, als Michaela sich verzweifelt an ihn klammerte.

Eine halbe Stunde später stand sie im Hausflur von Bens Elternhaus. Um sie herum bildete sich eine Wasserpfütze.
„Komm. Zieh dir erst mal die nassen Sachen aus.“ Ben schaltete das Licht an und zog seiner Freundin die Jacke aus. Michaela ließ es geschehen. Ja selbst, als er sie ins Bad zog und ihr Pullover und Hose auszog, sagte sie nichts. Der Tränenfluss hatte nachgelassen. Das Problem aber bestand noch immer.
Als sie in eine Decke eingewickelt neben Ben auf dessen Bett saß und ihn ansah, begann sie zu zweifeln. Wie war sie nur an diesen tollen Typen geraten? Was fand er an jemandem wie ihr? Oder war er nur mit ihr zusammen, um…
„Was ist los?“, fragte er wieder und berührte ihr Gesicht mit seiner Hand.
„Ich… Mein Dad hat mich vor die Tür gesetzt.“ Es war beinahe nur ein Flüstern.
„WAS!?“ Ben stand auf. „Warum? Was- Er..“ Er verstand nicht. Und wieder stieg die alte Wut auf den Mann, der schon immer etwas gegen ihn gehabt hatte.
„Er kann dich doch nicht einfach so rauswerfen. Egal wie sehr ich ihn störe, er hat nicht das Recht-“
„Ben, ich bin schwanger!“, rief sie plötzlich in seine Wut hinein und starrte ängstlich auf den Boden. Stille folgte. Eine Stille, in der das Mädchen nicht wagte aufzublicken oder gar sich zu bewegen. Eine unangenehme Stille.
„Sag das noch mal.“ Bens Stimme versagte beinahe.
„Ich… bin schwanger.“ Michaela wickelte sich noch etwas enger in die Decke. Wieder diese Angst… Schließlich blickte sie auf. Ben stand wie angewurzelt da, blass und irgendwie erschrocken.
„Sag was, bitte.“ Sie sah ihn flehend an.
„Was soll ich dazu sagen!?“ Unglaublich schnell schien er sich wieder gefasst zu haben. Er wandte sich ihr ab. „Michi, du bist 16. Du… musst es wegmachen lassen.“ Er wagte nicht, sie anzusehen.
„Ben, das ist nicht dein Ernst, oder!!?“ Sie stand langsam auf und stellte sich vor ihn. „Bitte, Ben.“ Wieder diese Tränen.
„Michi!“ Er drehte ihr den Rücken zu. „Wie stellst du dir das vor!?“ Und plötzlich drehte er sich zu ihr um. „Bist du sicher, dass es… von mir ist?“
Das war zu viel. Michaela holte aus und verpasste ihm eine kräftige Ohrfeige.
„Was denkst du eigentlich von mir?!“, fauchte sie ihn wütend an und begann sich ihre nassen Sachen anzuziehen. Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Haus fluchtartig. Ben hinderte sie keineswegs daran. Stattdessen trat er fluchend gegen die Wand. Wie hatte das nur passieren können!? Was nun? Panik machte sich in ihm breit. Wie konnte er mit 19 Jahren Vater werden? Konnte man ihn wegen Verführung einer Minderjährigen anzeigen?
Schlagartig wurde ihm jedoch eines bewusst. Michaela… Die Tablettenpackung…
„Shit!“
Ohne sich auch nur etwas überzuwerfen, lief er aus dem Haus in den Regen hinein. Sie war nirgends mehr zu sehen. Vielleicht war sie zurück zum Park gelaufen? Er musste sie finden. Sich entschuldigen, an ihr gezweifelt zu haben. Natürlich konnte sie nur von ihm schwanger sein. Er kannte sie. Und er wusste, dass er nicht immer gut genug aufgepasst hatte.

Michaela lief weiter, ohne wirklich zu wissen und zu sehen, wohin. Der Regen und auch die Tränen vernebelte ihr die Sicht. Verdammt, warum hatte Ben so reagiert? Aber hatte sie es nicht im Stillen geahnt? Und doch… Sie würde doch nie mit jemand anderem ins Bett gehen! Zwei Lichter kamen auf einmal unglaublich schnell näher. Was war das? Michaela versuchte klarer zu sehen. Zu spät. Ein Auto kam angerast, sie lief ihm, ohne es in ihrer Verzweiflung zu merken, genau auf die Fahrbahn.
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