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Ich atme schnell und heftig, mein Herz pocht laut in meiner Brust, als wenn es zerspringen möchte. Niko liegt am Boden und wimmert, seine kleinen Hände schützend über den Kopf gelegt. Ich lehne im Türrahmen und kralle die Fingernägel in meine Hand. Aufhören, bitte aufhören. Du bringst ihn noch um. Klaus tritt ein letztes Mal zu, sein Fuß landet in Nikos Rücken. Der wird wohl wieder auf dem Bauch schlafen müssen. Als er sich endlich von ihm abwendet, wischt er sich Tränen aus dem Gesicht und ohne ein Wort drängt er sich an mir vorbei und verschwindet in seinem Schlafzimmer. Ich höre ihn wimmern und schluchzen und manchmal glaube ich zu hören, wie er nach Mama ruft.
„Komm, steh auf“, flüstere ich und schlinge meine Arme um Nikos dünnen Körper.
„Du darfst bei mir schlafen.“ Ich hebe ihn auf und vermeide seine Blicke, seine großen, verängstigten Augen machen mir auch nach all den Jahren noch zu schaffen. Als ich ihn auf meinem Bett niederlege und mich zu ihm beuge, schlingt er seine Arme um mich und drückt sich fest an mich. Er riecht schlecht, er hat schon seit Tagen kein Bad mehr genommen und Zähne putzen will er auch nicht. Ich kann ihn nicht so verkommen lassen.
„Niko, du musst dich waschen“, sage ich und löse mich aus seiner Umklammerung. Schlimm sieht er aus, er kann morgen unmöglich so zur Schule gehen. Er schüttelt seinen Kopf mit den blonden Locken und blickt mich unschuldig an.
„Doch“, sage ich energisch und reiche ihm die Hand.
„Ich geh’ auch mit dir.“

Seine Hände arbeiten flink, er schrubbt über seinen runden Kinderbauch und lacht auf.
„Es kitzelt“, sagt er. Man könnte fast glauben, er sei ein fröhlicher kleiner Junge, bis er sich umdreht und man die rosafarbenen Narben und frischen Striemen auf seinem Rücken entdeckt. Es haben sich schon große blaue und rote Flecken neben ihnen gebildet.
„Hast du irgendwelche Wünsche für Weihnachten?“ frage ich und reibe ihn mit der grünen Seife ein. Das Wasser ist kalt und ich sehe, wie er zittert, aber da muss er durch, er hat schon Schlimmeres über sich ergehen lassen.
„Die neuen Sneakers, die alle in meiner Klasse haben“, sagt Niko nach nur kurzem Überlegen und strahlt mich an.
„Mit denen ist man echt cool!“ Ich lächle ihn traurig an, ich weiß genauso gut wie er, dass er keine Schuhe bekommen wird. Das Einzige, was wir in den letzten Jahren bekommen haben, war das Gefühl, wir würden nie wieder ein schönes Weihnachtsfest erleben.
„Und du?“ fragt Niko und steigt aus der Wanne. Mama, nur ein einziges Weihnachtsfest mit Mama wünsche ich mir.
„Nichts eigentlich“, antworte ich und schlinge ein Handtuch um seine Hüften.
„Rubbel dich trocken, dann wird dir auch warm. Ich hol deinen Schlafanzug.“ Als ich Nikos Schrankschublade öffne und nach seinen kleinen Shorts und dem schlabbrigen Shirt, in dem er jede Nacht schläft, suche, fällt mir das Gespräch, das ich mit meinem Freund Simon hatte, wieder ein. Du bist zu jung um Mutter zu spielen. Das kann dein Vater nicht von dir erwarten. Du kannst doch bei mir wohnen. Die Sätze spuken noch immer in meinem Kopf rum, als ich Niko helfe in seinen Schlafanzug zu schlüpfen. Ich kann ihn doch nicht einfach hier alleine lassen mit Klaus, der prügelt ihn noch zu Tode. Und wo sollte er denn sonst hin?
„Ich bin alles, was er hat“, hatte ich zu Simon gesagt und selber gespürt, wie traurig das klingt. Traurig, aber wahr.

Die Stille am Küchentisch erschlägt mich beinahe. Die Uhr, die Mama aufgehängt hatte als sie noch hier war, tickt so laut, dass es in meinen Ohren weh tut. Ich räuspere mich und schaue rüber zu Papa, wie er schmatzend seine Cornflakes verschlingt und uns nicht eines Blickes würdigt. Nikos Hände zittern und stochern in seiner Schüssel rum, seine Augen nach unten gerichtet. Ich schaue die beiden immer wieder an, die Wut wächst in mir, die Wut über dieses Drecksloch und die beiden, die den Mund nicht aufbekommen. Die Wut, dass ich hier alles machen muss und dass Mama nicht da ist. Mama. Du fehlst mir so. Komm’ doch wieder, komm’ doch bitte wieder.
„Ich muss gehen“, sagt Papa und steht auf. Seine Schüssel lässt er auf dem Tisch. Klar, ich werde mich schon darum kümmern.
„Ich komm’ heute spät wieder.“ Er knallt die Haustür hinter sich zu und ich höre ihn im Treppenhaus. Niko hebt nicht einmal seinen Kopf. Du bist zu jung um Mutter zu spielen. Das kann dein Vater nicht von dir erwarten. Du kannst doch bei mir wohnen.
„Bist du fertig?“ frage ich ihn um meinen Gedanken zu verdrängen, als er innehält und den Löffel in die Schüssel fallen lässt. Er reißt seine Augen weit auf und sein Brustkorb bewegt sich schnell auf und ab.
„Niko, was ist denn?“ frage ich hektisch und springe auf. Als ich ihm die Hand auf die Stirn lege, erbricht er sich plötzlich über den ganzen Küchentisch, die Cornflakes finden ihren Weg zurück und er schluchzt laut. Ich helfe ihm auf und führe ihn ins Badezimmer, in dem er sich schnell über die Toilette hängt. Ich wende meinen Blick von ihm ab, mir wird ganz übel, wenn ich ihn so anschaue, und leise summe ich Mamas Gute-Nacht-Lied.
„Alles wird gut“, flüstere ich ihm zu.
Wird es wirklich?

„Geh’ endlich zum Jugendamt“, sagt Simon und lässt sich in den Küchenstuhl fallen.
„Du kannst so nicht weitermachen. Ich seh doch, dass du unglücklich bist.“ Ich zucke mit den Schultern und blicke rüber zu Niko, der vor dem Fernseher hockt. Papa war schon seit drei Tagen nicht mehr zu Hause, ich bin gespannt, was er nun wieder anstellt.
„Das ist alles nicht so leicht, okay?“ zische ich ihm zu und rühre die Tomatensauce um. Ich kämpfe gegen die Tränen, die sich schon wieder einen Weg nach oben bahnen, als Simon von hinten seine Arme um mich legt und mich sanft wiegt.
„Ich weiß“, flüstert er. Niemand weiß, wie es ist.
„Niko, Essen ist fertig“, rufe ich und entreiße mich Simons Umarmung.
Mama.

Er wacht schweißgebadet neben mir auf, das klebrige Shirt an seinem zitternden Köper. Seine kleine Hand legt sich auf meine, versucht mich zu wecken.
„Was ist denn?“ murmle ich im Schlaf und drehe mich von ihm weg. Ich merke nicht, als er über mich rüber steigt und ins Badezimmer verschwindet. Am nächsten Morgen finde ich ihn auf dem kalten Fliesenboden, ganz blass und mit Erbrochenem um ihn herum.
„Niko ist krank“, sage ich zu Klaus, der endlich wieder aufgetaucht ist und uns nicht einmal erzählt hatte, wo er die letzten Tage war. Er sitzt vor dem Fernseher auf der gammeligen Couch und wirft mir nur einen kurzen Blick zu, „nerv’ mich nicht beim Glotzen“ soll es wohl bedeuten, doch ich weiß, wir müssen etwas tun.
„Ernsthaft krank. Wir müssen ihn zum Arzt bringen.“ Keine Antwort.
„Klaus!“ brülle ich.
„Niko ist dein Sohn, nicht meiner!“ Wutentbrannt renne ich raus in den Flur, schlüpfe schnell in meine alten Turnschuhe und laufe über die Straße zur Bushaltestelle.
Ich muss raus.

Es ist so dunkel im Hausflur, dass ich den Schlüssel in meinem Rucksack nicht finden kann. Und kalt ist es, so bitterkalt. Ich kann meine Finger kaum spüren. Als ich endlich die Tür aufgeschlossen habe und in den Flur trete, steht Niko vor mir, seinen Schlafanzug am Körper, sein Kuscheltier Eddy in der Hand. Er starrt mich an und als ich näher komme, um ihn zurück ins Bett zu bringen, fällt ein Lichtstrahl auf sein Gesicht. Sein linkes Auge ist blau und angeschwollen. Die Lippe aufgeplatzt und getrocknetes Blut staut sich in den Mundwinkeln. Seine Augen sind so schrecklich groß und schrecklich traurig. Ich lasse meinen Rucksack fallen und sinke vor Niko auf die Knie. Als er sich umdreht und sein Shirt anhebt und die frischen, fleischigen Wunden entblößt, möchte ich schreien, so laut, dass die Welt stehen bleibt.
„Niko“, wimmere ich und versuche ihn zu umarmen, doch er schreckt davon.
„Es ist alles deine Schuld“, sagt er und starrt mich an. Meine Schuld?
„Wie kannst du so etwas sagen?“ weine ich und versuche wieder, ihn an mich zu ziehen.
„Lass mich! Deinetwegen hat Papa mich verdroschen!“ brüllt er.
„Es ist alles deine Schuld! Ich hasse dich!“ Niko dreht sich um und rennt in sein Zimmer, ich kann sehen, wie sehr er unter den Schmerzen leidet. Nicht nur den körperlichen.
„Was für eine Scheiße hast du ihm dieses Mal erzählt, he?“ brülle ich Klaus an, als ich seine Zimmertür aufreiße.
„Raus hier!“ schreit er mich an und springt auf um mich aus dem Raum zu schieben. Aber ich bin stark genug, um ihn davon abzuhalten und brülle wieder: „Was hast du ihm gesagt, verdammt?“ Jetzt packt er mich am Arm und schubst mich aus dem Zimmer, ich lande mit dem Kopf an der Vitrine im Flur und bleibe benommen am Boden. Niko steckt seinen Kopf aus der Zimmertür und starrt uns an, wie Papa halb nackt dasteht und ich den Teppich voll blute.
„Ich hab ihm nur die Wahrheit gesagt. Dass du nicht auf ihn aufpassen kannst und er die Konsequenzen tragen muss“, sagt Papa und wendet seinen Blick von mir ab. Ob es ihm Leid tut mir so wehgetan zu haben? Er verdrischt Niko, aber mich fasst er nicht an. Schließlich hat Niko Mama getötet, nicht ich. Er ist der Grund für all die Wut in ihm und schwächer ist er mit seinen acht Jahren auch.
„Was? Weil ich einmal für ein paar Stunden nicht Babysitterin spiele, schlägst du ihn so zusammen?“ schreie ich und stehe auf, mein Kopf fühlt sich so groß an und mir ist schwindelig.
„Er war verdammt noch mal in meinem Weg.“
„Vielleicht ist er ja auch in meinem Weg, jeden beschissenen Tag. Ich hab ein eigenes Leben, ich bin nicht seine Mutter! Übernimm’ endlich Verantwortung für ihn oder gib ihn weg. Aber lass nicht alles an mir hängen!“ Ich halte den Atem und blicke auf den Boden, ich kann nicht glauben, was ich eben gesagt habe. Bevor ich mich zu ihm umdrehen kann, um ihm zu versichern, dass ich es nicht so meinte, knallt Niko seine Tür zu und stellt das Radio an. So laut, dass ich meine eigenen Gedanken nicht hören kann.
„Wenn du hier gewesen wärst, wäre das alles nicht passiert“, wimmert Klaus nun, das Gesicht in seinen Händen vergraben, schluchzend wie ein kleines Kind. Wie er so dasteht, zitternd und weinend, könnte er mir fast Leid tun, wenn ich ihn nicht so unglaublich hassen würde.
„Ich werde dich anzeigen“, sage ich langsam und wanke in Richtung Nikos Zimmer. „Du wirst für alles bezahlen, was du ihm angetan hast.“ Dieses Stechen in meiner Brust ist wieder da, ich kann kaum atmen, so weh tut es. Ich krampfe meine Hände zusammen und laufe weiter auf Nikos Zimmertür zu. Es kommt mir vor, als wenn ich schon seit Stunden versuche, dort anzukommen. Mein Atem stockt, als ich meine Hand hebe, um an seine Tür zu klopfen. Was soll nun aus ihm werden? Wenn ich Papa anzeige, werden sie uns Niko wegnehmen und in irgendein Heim stecken. Das überlebt er nicht. Mein armer, kleiner Niko.

„Oma?“ frage ich vorsichtig, als sie den Hörer abnimmt. Seit Nikos Geburt und Mamas Tod habe ich nicht mehr mit ihr gesprochen und trotzdem erkennt sie sofort meine Stimme und sagt freudig: „Mein Gott, Mia, ich kann’s kaum glauben!“ Ich erzähle ihr, was in den letzten Jahren passiert ist und warte mit meinem eigentlichen Grund für den Anruf bis zum Schluss.
„Niko muss hier raus“, sage ich bestimmt.
„Schnell.“ Ich erinnere mich vage daran, wie Oma ausschaut mit dem krausen Haar und dem großen, runden Gesicht. Ich war gerade einmal neun, als Mama bei Nikos Geburt gestorben war und Oma es nicht mehr in unserer Nähe aushielt.
„Du bist ihr so ähnlich“, hatte sie geseufzt und mir einen feuchten Kuss auf die Stirn gegeben. Niko hatte sie nicht einmal berührt.

Als er mich immer noch mit seinen großen Augen ungläubig anstarrt und mir damit beinahe Angst einjagt, sage ich noch einmal leise, dass alles wieder gut werden würde.
„Ich verspreche es dir doch.“ Niko schüttelt seinen Kopf und blickt nun auf den Boden.
„Ich will nicht von dir weg“, sagt er. Ich sehe, wie sein Gesicht zuckt und seine Augen sich mit Tränen füllen. Flehend sieht er mich wieder an und ich erinnere mich daran, wie glücklich ich war, als ich ihn im Krankenhaus in dem kleinen Glaskasten entdeckte und wusste, ich hatte nun einen kleinen Bruder. Da wusste ich noch nicht, dass ich meine Mama dafür aufgeben musste. Als Klaus und ich an dem Abend nach Hause gefahren waren und nicht ein einziges Wort gesprochen hatten, fühlte ich mich so leer wie noch nie. Weinen konnte ich noch nicht, es war so unvorstellbar, dass ich nie mehr die warme Haut meiner Mama spüren und ihren süßen Atem riechen konnte. Niko musste noch im Krankenhaus bleiben, weil er so schwach und klein war, und das Haus war so still und einsam ohne Mama. Manchmal wünschte ich, ich wäre an diesem Tag mit ihr gegangen. Wo immer sie jetzt auch war.
Seit diesem Tag war Klaus nie mehr der Gleiche. Nie wieder hatte er mit mir Fußball im Garten gespielt, mir sanft den Ball abgenommen und dann gejubelt, als wenn er einen Weltspieler besiegt hatte, nie wieder hatte er mir ein bisschen Kleingeld zugesteckt, damit ich mir etwas Schönes kaufen konnte, und nie wieder hatte er mir abends die Bettdecke aufgeschüttelt und mich Prinzesschen genannt. Nie wieder hatte ich das Gefühl, dass er mich liebte. Und dann nach einer Weile hörte ich auch auf, ihn Papa zu nennen. Manchmal glaube ich, dass er so unter den Schmerzen leidet, dass er einfach nicht mehr lieben kann. Nicht uns und nicht sich selber.

Als Klaus und ich Niko ein paar Tage später im Krankenhaus abgeholt haben, konnte ich den Hass in seinen Augen sehen. Hass auf dieses Kind, das seine Frau getötet und ihm nicht einmal die Chance gegeben hatte, sich von ihr zu verabschieden. Ich konnte den Schmerz sehen, der sich in ihm breit machte und wie die Wut auf Niko in ihm wuchs und wuchs. Wenn ich Klaus manchmal nachts weinen höre, kann ich fast verstehen, dass er Niko nicht ansehen kann. Mama ist seine große Liebe gewesen.

„Mia?“ fragt Niko noch einmal und reißt mich aus meinen Gedanken. Verstört sieht er mich an und senkt den Blick, als ich mir Tränen aus dem Gesicht wische. Wieso kann man Erinnerungen nicht auslöschen? Wieso kann ich nicht morgen aufwachen und vergessen haben, wer ich bin? Wo ich bin. Mit wem ich bin. Ich schüttle sanft den Kopf und murmle, dass wir jetzt los müssten.
„Oma wartet sicherlich schon auf uns“, sage ich. Als ich seine gepackte Tasche vom Bett hebe und beobachte, wie er sich liebevoll von seinem Zimmer verabschiedet, fühle ich mich wieder so leer. Wer weiß, ob Oma seinen Anblick wirklich ertragen kann - sie hatte ihre eigene Tochter seinetwegen verloren. Es war nicht seine Schuld. Er hat sie nicht getötet. Er hat sie nicht getötet. Manchmal glaube ich es. Manchmal nicht. Ich muss weinen.

Jetzt sitze ich neben Simon in seiner kleinen Wohnung, die seine Eltern ihm finanzieren, während er noch studiert und vermisse Niko. Ich habe so ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn einfach alleine gelassen habe, dass es mich innerlich auffrisst. Simon schenkt mir ein Lächeln und ich will es erwidern, aber ich kann nicht. Auch als er seinen Arm um mich legt und mich sanft an sich zieht, kann ich nicht.
„Ich bin eine Rabenschwester“, murmle ich und starre wieder auf meine abgekauten Fingernägel. Simon schüttelt seinen Kopf und rückt noch näher an mich ran, so nah, dass es schon fast weh tut. Ich stehe genervt auf und gehe zum Fenster, den Blick auf die Reklame gegenüber gerichtet. Als ich Simon wieder hinter mir spüre, wie er seine Hände langsam auf meine Hüften legt und sein Gesicht in meinen Nacken drückt, werde ich wütend. Ich drehe mich schnell um und blicke ihn eiskalt an.
„Lass das“, zische ich und sehe wieder aus dem Fenster. Ohne ein Wort verschwindet er im Schlafzimmer und Tränen schießen mir in die Augen. Nichts mache ich richtig. Nichts.

Ich verpasse fast den Bus und muss rennen, es regnet so stark, dass ich kaum etwas sehen kann. Als ich klitschnass neben einem kleinen Mädchen Platz nehme, das sich an ihren Stoffbären klammert, fällt mir ein, dass ich Nikos Kuscheltier vergessen habe. Ich sollte es ihm unbedingt mitbringen, hatte er am Telefon zu mir gesagt, es fehlte ihm so sehr. Wie konnte ich das nur vergessen? Ich starre aus dem Fenster, alles tut weh. Ich kann noch immer Simons Stimme in meinem Kopf hören, wie er mich anbrüllt, ich solle mir endlich ein eigenes Leben aufbauen.
„Du verstehst nichts!“ hatte ich zurückgeschrien und war wütend aufgesprungen. Und jetzt sitze ich hier, auf dem Weg zum Bahnhof um dann nach Hamburg zu reisen- sieben Stunden von Zuhause entfernt. Sieben Stunden von Simon entfernt. Wie konnte ich ihn nur so verletzen? Als ich ihn nach unserem Streit wütend anstarrte, meine Tasche vom Boden hob und bestimmt sagte, dass ich ihn nicht mehr ertragen könnte, konnte ich Tränen in seinen Augen sehen. Tränen meinetwegen. Ich bin nicht nur eine Rabenschwester, sondern auch eine Rabenfreundin.

Als ich abends endlich in Hamburg ankomme und Oma und Niko am Ende des Bahnsteiges entdecke, zerspringt mein Herz fast vor Freude. Ich laufe auf die beiden zu und schließe meine Arme fest um meinen kleinen Bruder, der gesünder aussieht als je zuvor. Tränen schießen in meine Augen, als ich Oma anschaue und sie mir sanft die Hand auf die Wange legt.
„Mia“, flüstert sie und lächelt mich an. „Oh, Mia.“

Ich sitze meinen Großeltern gegenüber und schäme mich dafür, so in ihr Leben zu platzen. Niko stochert in seinen Nudeln rum, sieht mich immer wieder von der Seite an und unterbricht dann endlich die Stille: „Mia, Oma sucht grad eine Schule für mich.“ Ich lächle ihn an und werfe meiner Oma einen Blick zu, warte auf ihre Bestätigung. Sie nickt sanft und ich möchte aufspringen und sie umarmen - sie hat also entschieden, Niko hier zu behalten. Ich erinnere mich an das Telefonat. Sie hatte sofort zugestimmt, doch dann schüchtern gemeint, sie sollten es vielleicht erst einmal für eine Weile probieren. Als sie aufsteht, um den Nachtisch aus der Küche zu holen, folge ich ihr, bleibe jedoch im Türrahmen stehen.
„Heißt das, die Probezeit ist vorbei?“ frage ich und starre ihren Rücken an. Sie blickt aus dem Fenster und nickt, bevor sie sich langsam zu mir umdreht.
„Weißt du, Mia, ich schäme mich für mein Weglaufen. Ich hätte euch Kinder nie alleine lassen dürfen in so einer Situation. Ich war eine echte Rabenoma.“ Ich schüttle den Kopf, kann mir aber ein Grinsen nicht verkneifen. Als sie mich verdutzt anschaut, sage ich lachend: „Ich bin eine Rabenschwester und eine Rabenfreundin- ich weiß also, wie du dich fühlst.“ Sie versteht nicht ganz, was ich meine, schenkt mir aber ein Lächeln und macht einen Schritt auf mich zu.
„Du siehst aus wie deine Mutter“, flüstert sie.
„So wunderschön.“ Dann legt sie vorsichtig ihre kurzen Arme um mich, ich bin größer als sie, also beuge ich mich ein wenig herunter. Sie riecht gut und es ist schön, von ihr berührt zu werden. Sie erinnert mich an Mama.

Sie gibt mir einen Umschlag mit Geld, damit ich die nächste Zugfahrt bezahlen kann und schnell wiederkomme. Niko weint und ich weiß, wie elend er sich fühlen muss - auch wenn Oma und Opa ihn liebevoll behandeln und alles versuchen, um ihm endlich ein richtiges Zuhause zu schenken, kann er es einfach nicht ertragen, ohne mich zu sein. Ich drücke ihn noch ein letztes Mal an mich, gebe ihm dann einen kleinen Klaps und verspreche ihn sofort anzurufen, wenn ich wieder da bin.
„Und vergiss’ nicht mir Eddy mitzubringen“, brüllt er mir hinterher und ich nicke ihm zu.
„Danke“ forme ich mit meinen Lippen und winke Oma noch einmal zu.

Musik. Laute, schöne Musik. Mamas Musik. Ich stehe verdutzt im Flur; schon seit Jahren hat Klaus Mamas Cd’s nicht mehr angefasst. Als ich meinen Kopf ins Wohnzimmer stecke, traue ich meinen Augen nicht. Er sitzt auf einem neuen, hellen Sofa, blickt aus dem großen, unglaublich sauberen Fenster und summt leise mit. Er bemerkt mich nicht. Ich tapse leise in die Küche und betrachte den sauberen Tisch und das frisch gespülte Geschirr. Ist das wirklich unsere Wohnung? Ich schaue mich weiter um, bewundere sein gemachtes Bett und die sauberen Fenster überall, wie das Badezimmer strahlt und der Spiegel nicht einen einzigen Zahnpastaspritzer vorweist. Beeindruckend. Doch als ich in Nikos Zimmer trete, bleibt mein Herz fast stehen. Klaus’ Computer macht sich auf dem Schreibtisch breit und seine Aktenordner fliegen auf dem Bett rum. Er hat es tatsächlich abgezogen. Kein Laken, keine Bettdecke, nicht einmal die kleinen Kissen liegen noch da. Wut staut sich auf in mir, ich balle meine Fäuste und rase dann ins Wohnzimmer.
„Du Arschloch!“ brülle ich ihn an und er schreckt auf.
„Mann, hast du mir einen Schrecken eingejagt“, japst er und lässt sich wieder auf das Sofa fallen.
„Gefällt’s dir?“ fragt er, als er sich wieder gefangen hat und blickt mich erwartend an.
„Alles bis auf Nikos Zimmer, ja“, sage ich und muss mich zurückhalten, um nicht auf ihn loszugehen.
„Ich brauchte ein Arbeitszimmer“, versucht er sich zu rechtfertigen.
„Du widerst mich an“, sage ich bestimmt und wende mich von ihm ab. Dann fällt mir ein, dass ich alle Räume gesehen hatte, außer einem- meinem eigenen. An der Tür hängt noch immer das kleine Namensschild, das ich gemacht hatte, als ich in der zweiten Klasse war und ich drücke langsam die Klinke herunter. Obwohl ich schon seit drei Wochen nicht mehr hier war, riecht es immer noch nach mir. Nach meinem Parfüm und den Pflanzen, die ich hier aufgestellt habe und irgendwie.... Irgendwie nach Simon. Ich erinnere mich an die vielen Stunden, die wir hier gemeinsam verbracht haben, wir mussten nicht einmal viel reden, er war einfach nur da für mich. Er war immer da für mich. Rabenfreundin.
Alles sieht noch so aus, wie vor drei Wochen, als das hier noch mein Zuhause war. Jetzt bleibe ich hier nur noch, weil ich nicht zu Simon und noch nicht zurück nach Hamburg kann.
Plötzlich taucht Klaus hinter mir auf und versucht mich zu beruhigen, doch ich schnaufe nur laut und dränge mich an ihm vorbei. Ich kann nicht hier bleiben, ich kann einfach nicht.
„Ich hasse dich“, murmle ich und schnappe mir meine Tasche. Entgeistert schaut er mich an und Tränen fließen seine Wange runter.
„Ich mich auch.“

Als ich endlich draußen auf der Straße stehe, meine wichtigsten Sachen und natürlich Nikos Eddy in der Tasche habe, blicke ich noch einmal hoch zum Fenster - irgendwie tut es weh, Papa dort stehen zu sehen, den Blick auf seine Tochter gerichtet, die ihn hasst, abgrundtief hasst, und fast noch schlimmer finde ich, dass er sich selber hasst. Und wenn ich nun wieder Mitleid mit ihm bekomme, wird alles wie früher, wir werden beieinander leben, aber nicht miteinander, ich werde ihn hassen und er wird jedes Mal traurig sein, wenn er mich sieht. Die Erinnerung an Mama tut ihm einfach zu sehr weh. Also hebe ich kurz meine Hand und gebe ihm das Signal, mich nun gehen zu lassen, seinen Blick von mir abzuwenden, sein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen, und fange an zu laufen. Erst ganz langsam und dann immer schneller, ich renne, renne, renne mir die ganze Wut aus dem Leib. Wut über dieses beschissene Leben, das niemals schön sein wird. Und dann stehe ich auf einmal vor Simons Tür und drücke den Klingelknopf, ich schaue ihm ins Gesicht und küsse ihm sanft auf die Lippen, ich entschuldige mich und weine, ich lasse alles raus und realisiere erst, wo ich eigentlich bin und was ich getan habe, als ich morgens aufwache und es ganz still um mich rum ist - kein Schluchzen, kein unterdrücktes, ersticktes Weinen, kein Geschrei, kein Leid.
Der Tag fängt gut an.
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