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Als ich vor der Haustür stand, fragte ich mich, ob es richtig gewesen war, hierher zu kommen. Und dann noch ein ganzes Jahr ?! Ich war nervös und aufgeregt. Bevor ich klingelte, dachte ich daran, wie ich vor zwei Wochen noch fröhlich durch die Schule gelaufen war.
Jeder hatte mich darum beneidet, dass ich nach Irland durfte. Die Tage verbrachte ich damit, mich von meinen Freunden zu verabschieden. Meine besten Freunde weinten wegen der bevorstehenden Trennung- ich natürlich auch.
Dann war es soweit. Meine Freundin Joe hatte bei mir übernachtet, die ganze Nacht hatten wir uns noch unterhalten. Unsere Freundschaft war uns so viel wert. Morgens um vier brachte sie mich schließlich mit meinen Eltern zusammen zum Flughafen. Dort angekommen verabschiedete ich mich erst von meinen Eltern, dann tränenreich von Joe. Ich wollte, dass sie mitkam, aber das ging natürlich nicht. Lange nahm ich sie in den Arm, dann atmete ich noch einmal durch und kehrte meiner Familie den Rücken zu. Ich war auf dem Weg ins Ausland.

Die Stunden, bis der entsprechende Flug aufgerufen wird, dauern ja immer Ewigkeiten. So kam es mir auch vor. Ich saß einsam auf einer der Bänke, trank eine Menge Kaffee las mein „Petra Hammesfahr“ - Buch durch, trank wieder Kaffee, und musterte die Leute, die hier umherschwirrten. Teilweise furchtbare Gestalten. Als es endlich soweit war, erhob ich mich schwermütig, nahm mein Handgepäck und zeigte der Stewardess mein Ticket. Dann saß ich im Flugzeug. Ich musste insgesamt zwei Stunden fliegen, danach noch einmal drei Stunden Bus fahren.
Nachdem ich Belfast total k.o. erreicht hatte, rief ich mir ein Taxi und versuchte in meinem besten Englisch dem Fahrer zu erklären, wo ich hin wollte. Nach geschlagenen zehn Minuten hatte er es endlich geschnallt: „Oh, you want to this Street!“ Ich dankte Gott. Eine Viertelstunde fuhren wir noch quer durch Belfast. Nach einer Weile machte mich der Fahrer darauf aufmerksam, dass wir angekommen waren. Es war unglaublich: Die Häuser sahen aus wie riesige Villen, die Straßen waren teils richtige Alleen. Es dauerte nicht lange, bis ich mein „neues“ Zuhause gefunden hatte. Es glich den anderen Häusern, hatte außerdem dahinter einen großen Garten, hinter dem sich ein See befand. Ein schönes Bild. Ich sprang die vielen kleinen Stufen hoch, musste aber wieder herunter, weil ich meinen Koffer vergessen hatte. Minuten später stand ich vor einer großen, schweren Holztür. Doch bevor ich klingeln konnte, wurde sie geöffnet und mir gegenüber stand eine kleine, dicke Frau. „Are you Samantha Hart?“, fragte sie. „Yes“, antwortete ich. „I´ m Sam.“ Die Frau lachte und zog mich ins Haus. “ I´m Melissa Crea! Ich hoffe, du hattest eine angenehme Fahrt, “sprach sie in einem Gemisch aus Deutsch und Englisch. Ich erwiderte ihr, dass es okay gewesen war und sie erzählte mir von ihren Söhnen Mel und Bob: „Sie sind beide nicht zuhause. Mel ist bis fünf in der Schule und Bob ist mit seinem Vater unterwegs. Aber komm, du packst erstmal aus, dann gibt’s Futter.“ Wir stiegen eine steile Treppe hinauf und betraten ein riesiges, blau gestrichenes Zimmer mit blauen Fenstern und schönen Bildern. Melissa ließ mich allein. Ich fiel rücklings auf das breite Doppelbett und schaute mich in Ruhe um. Dieses Haus war ein Traum. Ich war total gespannt, die Söhne Mel und Bob kennen zu lernen. Seufzend stand ich auf und fing an auszupacken. Meine Müdigkeit war wie weggeblasen, dafür hatte sich mein Hunger breit gemacht.

Als ich nach unten kam, sah ich Melissa, ihren Mann Jim und die beiden Söhne am Tisch sitzen. Der kleinere, der wahrscheinlich Bob war, schaute mich aus großen Augen an. Er hatte rotblonde Haare und seegrüne Augen. Der andere dagegen, Mel, besaß schwarze Haare und Augen, die die gleiche Farbe zu haben schienen. Keiner der beiden glich Melissa oder Jim, die beide strohblond und mit blauen Augen ausgestattet waren.
Ich setzte mich auf einen freien Stuhl und wurde sofort stürmisch von Mel begrüßt: „Hey, ich bin Mel. Ich hoffe du bist gut angekommen.“ Dann warf er lächelnd einen Blick auf Bob: „Mach dir nix draus, er ist am Anfang immer recht stumm…Wenn er dich besser kennt, redet er wie ein Wasserfall.“ Ich lachte. Melissa goss mir Kaffee ein, schmierte mir Brote und wir redeten viel über mich, über die Creas und über mein Jahr hier. Mal deutsch, mal Englisch, damit auch Bob etwas verstand. Irgendwann stand dieser auf und hüpfte seinem Vater auf den Schoß. Es war ein schönes Bild und ich bereute, keine Kamera bei mir zu haben. 10 Minuten später jedoch war Bob eingeschlafen, also stand Jim auf und trug ihn ins Bett. Melissa und Mel seufzten lächelnd: „Tja, Bob hängt sehr an seinem Vater. Sie haben eine große Ähnlichkeit. Mel ist eher so wie ich.“ - „Mum!“ erwiderte Mel. Ich musste lachen und wurde mit einem freundschaftlichen Knuff von Mel bestraft. „Komm, wir gehen in den Garten und an den See!“ Er nahm mein Handgelenk und zog mich mit sich. Das Wetter war schön, die Sonne schien, aber es war kühl. Mel erzählte mir von seiner Schule, die Lehrer seien nett, seine Freunde auch. Ich redete von mir, von meinem Chaos-Leben und von Joe. Ich vermisste sie jetzt schon.
Irgendwann warf er dazwischen: „Hör mal, wir gehen heute ins Kino, okay? Terminal!“ Ich nickte und freute mich darauf, außerdem kannte ich den Film noch nicht. „Auf Englisch?“, fragte ich ihn. Er bestätigte und gestikulierte, wie gut der Film denn sei, dass er sich wirklich auf heute Abend freue und dass wir uns so besser kennen lernen könnten (Vorsicht: auch falsch aufzufassen….). Ich hörte ihm gerne zu und sagte deshalb auch nicht viel. Während er sprach, schaute ich ab und zu in den Himmel. Es waren dunkle, schwarze Wolken aufgezogen. Plötzlich krachte es und ein schweres Gewitter begann. Von einer Sekunde auf die andere waren wir nass. „Schnell“, rief Mel. „Schauen wir, dass wir nach Hause kommen!“ Dies jedoch dauerte noch ca. eine Stunde, weil der Weg, den wir gehen wollten, nur noch aus Matsch bestand, also machten wir einen Umweg.
Endlich zu Hause angelangt schickte mich Melissa erstmal unter die Dusche. Das Wasser war angenehm warm und beruhigend. Als ich fertig war, fühlte ich mich wieder, wie unter den Lebenden.
Ich fragte Melissa, ob ich nach oben gehen dürfte. Sie bejahte und gab mir noch ein Tablett mit Kaffee und Kuchen mit. Ich betrat mein Zimmer und setzte mich samt Tablett auf den Boden. Der Kuchen schmeckte köstlich. Nach einer Weile kam Mel in den Raum, wie ich frisch geduscht. Er setzte sich und erzählte, dass seine Eltern und sein Bruder zu Bekannten gefahren waren und erst später wieder kämen. Plötzlich stand er auf: „ Ich hab mir überlegt, wir gehen nicht ins Kino, sondern schauen hier eine DVD. Ich hole mal den Fernseher.“ Zwei Minuten später war er wieder da. Er schaltete den Fernseher ein und es erschien die Überschrift `Terminal`. „Also sind wir doch beinahe im Kino.“, sagte ich lächelnd. Er grinste und drückte auf PLAY. Der Videoabend begann.

Am nächsten Morgen, kurz nachdem ich aufgewacht war, schaute ich zuerst einmal auf meinen Wecker, den ich von der Familie Crea als Begrüßungsgeschenk bekommen hatte. Es war fünf Uhr. Weiterschlafen lohnte sich nicht, denn ab halb sechs ging der Tag los; um halb acht mussten Mel und ich in der Schule sein. Glücklicherweise konnten wir auf den Bus verzichten, denn Mel hatte ein kleines Auto.
Ich stand auf, holte mein Buch aus dem Rucksack und begann zu lesen: „Petra Hammesfahr“ war meine Lieblingsschriftstellerin und so hatte ich mir alle Bücher von ihr mitgenommen. Gerade schmökerte ich in `Der gläserne Himmel`. Ich las und las und bekam nicht mit, wie die Zeit verging, bis Melissa auf einmal herein kam. Sie wünschte mir einen guten Morgen und meinte: „Ich warte mit Mel und Bob unten auf dich, dann gibt’s Frühstück. Jim ist schon seit drei unterwegs.“ Sie seufzte bei dem Gedanken und begab sich dann nach unten. Mühevoll legte ich mein Buch zur Seite, schnappte mir Handtuch, Jeans, Top und Pulli und ging duschen. Bloß nicht zu auffällig kleiden. Nach ca. zwanzig Minuten stand ich fix und fertig in der gemütlichen Küche. Es war eine angenehme Stimmung trotz der frühen Stunden und Bob sang fröhlich vor sich hin. Als er mich sah, grinste er und winkte. Ich lächelte zurück. Der Tisch war freundlich gedeckt und Mel platzierte mich auf den Stuhl neben sich. Ich bekam Kaffee („Du magst doch Kaffee?&ldquo und schmierte mir Brote. Gegen viertel nach sieben drängte Melissa uns zum Aufbruch. Wir tranken unseren Kaffee aus und erhoben uns dann. Meine Knie zitterten, ich war total aufgeregt.
Mels Auto war eine kleine, knallbunte Ente, mit grünen Scheibenwischern und einer Gummiente auf der Motorhaube. Als ich ihn darauf ansprach, grinste er nur. Wir tuckerten die Straßen entlang (bis zur Schule waren es nur drei Minuten). Angekommen vergrößerte sich meine Aufregung nur noch, der ganze Schulhof war voller Schüler, Studenten und Lehrern. Mel erklärte mir kurz den Weg zu meiner Klasse, dann war er auch schon weg. Ich hätte ihn gerne dabei gehabt, aber er musste noch zum Lehrerzimmer. Da stand ich nun allein vor einem Raum, indem wahrscheinlich dreißig Schüler saßen, die mich anstarren würden, als wäre ich ein Alien, wenn ich durch die Tür gehen würde. Auf einmal spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und eine raue Stimme an meinem Ohr: „ Are you Samantha Hart? I´ m Mrs Cora. Go, my lesson starts.“ Ich drehte mich um und erblickte eine große, knochige Frau. Sie sah aus wie siebzig und ihre blonden Haare waren zu einem strengen Dutt geformt. Na, dachte ich, das kann ja heiter werden. Ich befolgte ihren Befehl stumm und was geschah, als ich die Klasse betrat, könnt ihr euch sicher denken. Mrs. Cora legte mir ihre Hand auf die Schulter und wandte sich zur Klasse: „ That is Samantha Hart. She´s new. Please be nice to her. Samantha, sit down next to Ben.” Sie zeigte auf einen schwarzen Jungen mit dunklen Dreadlocks und ebenso dunklen Augen. Nicht schlecht. Ben grinste mich frech an. Ich setzte mich und er begrüßte mich: „Hey, ich bin Ben. Ich hoffe dir gefällt´ s hier gut…Du siehst echt nett aus.“ –„ Danke, für beides….Du siehst auch nett aus. Woher kannst du so gut Deutsch?“ Ich war erstaunt über so viel Macho Gehabe, wobei er ein ziemlich lieber Macho zu sein schien. Doch er antwortete erst gar nicht mehr, sondern machte ` Psssst ` und so widmete ich mich dem Englisch-Unterricht. Es war wirklich nicht schwer zu verstehen. Die anderen sprachen langsam und deutlich, ab und zu sogar stotternd. Falls ich irgendwas trotzdem nicht verstand, übersetzte Ben es mir. Er war richtig nett.
Erst in der Pause bekam ich Kontakt mit den anderen Schülern. Schneller als der Wind standen sie neben mir und fragten mich Löcher in den Bauch. Manche waren gut im Deutschen, andere eher weniger. Nach einer Weile kam Ben, der gerade draußen gewesen war, in die Klasse. Als er die Leute um mich sah, rief er: „Hey ho, jetzt durchlöchert Sam doch nicht so. Nachher sieht sie noch aus wie ein Schweizer Käse!“ Ich schmunzelte. Ben erinnerte mich irgendwie an Gonzo Gonzales aus „Die wilden Kerle“ oder Kapitän Sparrow aus „Fluch der Karibik“ – seine Art, sein Aussehen. Bei diesem Gedanken hüpfte mein Herz. Ich war absoluter Fan dieser beiden und ich bin´ s immer noch. Geil, ich hatte beinahe einen echten Schauspieler vor mir.
Die anderen waren echt nett. Sie zeigten mir die Schule und verbrachten den ganzen Tag mit mir. Nur eine Gruppe bestehend aus zwei Mädchen und fünf Jungen hatten mich auf dem Kieker. Die eine, Veronika, wie ich bald erfuhr, war verdammt eifersüchtig auf mich, da Ben ihr Schwarm war, er sie aber mit dem Hinterteil nicht anschaute.
Am Nachmittag wollte mich Ben nach Hause bringen. Ich hatte mich richtig angefreundet mit ihm. Leider musste ich ihn enttäuschen, da Mel mich mit dem Auto abholte. Aber Ben und ich verabredeten uns für den Abend (was mich besonders freute). Wir hatten beschlossen, ins Kino zu gehen. Zuhause erzählte ich den anderen sofort von meinem tollen Tag, ich war Feuer und Flamme. Alles war bis jetzt glatt gelaufen- wie gesagt, bis jetzt, denn nun kam etwas Wichtiges: Mein Date.

Zum Glück war ich so schlau gewesen, Melissa um Rat zu fragen. Sie schaute meinen Schrank durch, schien aber nicht zufrieden zu sein. Dann ging sie zu ihren Kleidern und suchte. Währenddessen zog ich mir meine beste Jeans an. Nach 10 Minuten kam Melissa wieder und gab mir etwas in die Hand- ein Top. Schnell ging ich in mein Zimmer und zog es an. Es war atemberaubend: Der Schnitt war sehr figutbetont, wie jeder andere, der Stoff samtweich. Das Top allgemein war schwarz und hatte kleine rote Verzierungen. Und dann noch dieser Ausschnitt: „Melissa, wow….das ist Wahnsinn…Danke!“ –„ Du kannst es behalten. Komm ich schminke dich noch ein bisschen.“ Übermütig fiel ich ihr um den Hals. Das bisschen Schminke bestand aus schwarzem Kajal und zart-rotem Lippenstift. Melissa hatte Talent, ich war happy. Als ich die Treppe herunter kam, begegnete ich Mel. Er wollte mir etwas mitteilen, aber bei meinem Anblick schien ihm der Atem zu stocken: „ Du….du siehst toll aus!“ Ich dankte ihm lächelnd und verabschiedete mich.
Dann ging ich. Bis zum Kino war es nicht weit, Ben und ich wollten uns davor treffen. Ich traf ihn jedoch schon auf dem Weg dorthin und als wir da waren, suchten wir einen Film aus: I- Robot.
Ich kannte nur die Werbung und freute mich darauf, außerdem war ich gespannt, ob etwas passieren würde. Bei dem Gedanken musste ich grinsen. Natürlich kam vorher noch stundenlang Werbung, bei der ich die ganze Zeit zu Ben herüber schielte. Endlich fing der Film an. Das, was ich mitbekam war spannend, meine Augen blieben aber wirklich eher an der netten Person neben mir hängen. Wir teilten uns Cola und Popcorn, er hatte bezahlt. Als ich einmal danach greifen wollte, berührte ich unabsichtlich seine Hand. Ich wurde knallrot und wollte sie wieder wegziehen, doch er hielt sie fest und verschränkte unsere Finger ineinander (Wie auch immer er das geschafft haben mag). Unsicher schaute ich ihn an und er mich. Ich blickte ihm lange in seine, wie ich mittlerweile festgestellt, hatte braunen Augen, als er zu lächeln anfing und meine Wange streichelte. Dann kam sein Gesicht näher. Seine Lippen waren warm und weich. Den Rest des Films schmiegte ich mich in seine Arme. Ich dachte darüber nach, ob er es ernst meinte oder bei allen Girls „Ex und Hopp“ sagte. Dann jedoch verwarf ich den Gedanken gleich wieder.
Essen gingen wir danach nicht mehr, wir liefen lieber stundenlang herum. Gegen elf musste ich zuhause sein hatte Melissa mir aufgetragen. Jetzt war es viertel vor. Also wanderten wir langsam nach Hause.
Vor meiner Haustür verabschiedeten wir uns und redeten noch ein bisschen. Nach einer Weile fragte ich ihn frech: „ Bist du bei allen Girls so schnell?“ Seine Antwort überraschte mich. Er war völlig ernst und erwiderte: „ Nein, aber bei dir war es Liebe auf den ersten Blick…Ehrlich.“ Ich war glücklich und lehnte mich an ihn. Dann ging ich ins Haus, machte mich schnell fertig und zog noch einmal mein Handy raus, um Joe zu schreiben. Dank meiner Eltern besaß ich fünfzig Euro. Kurz darauf war ich eingeschlafen, träumte ziemlich wild…hatte es am nächsten Tag jedoch wieder vergessen.

Die nächsten Tage, trafen sich Ben, Mel, Claire, ein Mädchen aus seiner Klasse und ich zum Schwimmen, da es sehr heiß war. Wir hatten nicht lange Schule und unsere Schwimmsachen dabei. Während die Jungs sich gut verstanden und im Wasser tobten, redeten Claire und ich über Gott und die Welt. Unauffällig fragte ich sie, wie sie Mel fand- worauf sie mir prompt antwortete, dass sie ihn liebe. Als ich sie verdutzt anschaute, erklärte sie mir, dass sie seit fast drei Jahren ein Paar waren. Ich freute mich für Mel, er hatte einen wirklich guten Geschmack. Claire war freundlich, offen und verständnisvoll. Als ich ihr von Ben und mir erzählte, lächelte sie und meinte, unsere Liebe sei unter einem guten Stern geboren, ich solle mir keine Gedanken machen. Ich freute mich darüber und fand es gar nicht schlimm, dass sie drei Jahre älter war als ich, also 20. Wieso auch? Mel war auch 21 und ich verstand mich prima mit ihm. Spät am Abend fuhren wir alle nach Hause. Wir verabschiedeten uns und Claire und ich verabredeten uns für den nächsten Tag zum Shoppen. Ich lief in mein Zimmer, wenig später kam Mel. Schnell waren wir in ein Gespräch verwickelt. Mel erzählte mir aus seiner Beziehung mit Claire und ich sah, dass er glücklich war, denn seine Augen strahlten und sein Gesicht schien zu leuchten.

Claire hatte einen wirklich guten Geschmack, wie sich erwies. Ich wollte mir für Bens Geburtstag, der in ein paar Wochen war, eine neue Jeans oder etwas Ähnliches kaufen. Wir liefen quer durch die Läden, aßen hier und da etwas und lachten und redeten die ganze Zeit. Ein Laden war besonders schön. Es war nicht diese typische Atmosphäre wie in allen anderen Läden, sondern es war wie ein einfaches kleines Zimmer, richtig gemütlich. Wir suchten uns durch die Stände, als Claire rief: „Sam, komm her. Das musst du dir anschauen!“ In ihrer Hand hielt sie ein schwarzes Kleid, einfach geschnitten, das nur unten schräg nach oben lief, mit dünnen, kaum sichtbaren Trägern. „Glaubst du, dass steht mir? Ist das nicht ein bisschen zu gewagt?“ Claire lachte. „Das wird toll aussehen, probiere es an, ich gucke schon mal nach passenden Schuhen.“ –„ Wie soll ich das denn bezahlen?“ Ich war verzweifelt. Das Kleid alleine kostete schon 75 € und dann noch Schuhe? Doch Claire grinste nur: „Mach dir darum keine Sorgen, ich lade dich ein- im Gegenzug bekomm ich ein Eis okay?“ Ich musste lachen. Dann verschwand ich in der Umkleide und probierte das Kleid an. Und tatsächlich, es passte perfekt. Zwei Minuten später kam Claire und zeigte mir schwarze Sandalen mit Absatz, für 48 €. Auch diese hatten genau meine Größe. Wir bezahlten und gingen weiter, um irgendwo eine Eisdiele zu finden. Lange dauerte das nicht. Während wir genüsslich unser Eis schlürften, schmunzelte ich die ganze Zeit über Claires `Tat`. „Warum hast du das gemacht? Ich meine, warum hast du mir die Sachen bezahlt?“
„Kannst du dir das denn nicht denken? Nein, kannst du bestimmt nicht. Ich weiß es ja selber nicht. Ich schätze, weil ich dich mag. Ich fand dich schon am Anfang sympathisch…und…außerdem macht es mir Spaß, mit dir shoppen zu gehen. Du bist superhübsch, an dir kann man soviel ausprobieren.“ Schnell stand ich auf und stürmte aus dem Laden. „Komm, “ rief ich noch, „jetzt geht’s weiter.“ Claire folgte mir und so zogen wir von Laden zu Laden, wie zwei Landstreicher.
„Hast du ne Idee, was ICH an Bens Party anziehen könnte? Mel hat was, du hast was….“ Sie seufzte. Ja, jetzt gerade kam mir die Idee. Sie hing im Schaufenster von ` Orsay `, war ein schwarzes, einfaches Kleid, das circa bis zum Knie ging und hatte unten viele kurze Fransen. „Komm, jetzt bist du an der Reihe und ICH bezahle.“ Ich demonstrierte ihr das Kleid, sie zog es an und es war perfekt. Es passte fantastisch zu ihren braunen, glänzenden Haaren (das war übrigens auch eine unserer Gemeinsamkeiten) und ihrem hübschen Gesicht. Zuerst zögerte Claire, doch dann überzeugte sie ihr Bild, mich ebenso und noch dazu der Preis. Es war, um genau zu sein, recht billig. Nur 49 €. Dann sah ich, wie Claire eben auch, noch die passenden Schuhe dazu: schwarze Sandaletten, mit einem silbernen Riemchen. 20 €. Jetzt war es tatsächlich perfekt. Ich stellte mich in die kurze Schlange. Claire bedankte sich fröhlich und schlug vor, dass wir noch ein Eis essen gehen sollten- auf ihre Kosten. Die Verkäufer schauten uns komisch an, weil wir das zweite Mal innerhalb eine Tages kamen, das machte uns aber nichts aus. Wir hatten Spaß wie noch nie. Claire erzählte mir ihre peinlichsten Erlebnisse, zum Beispiel wie sie einmal einen Seelenklempner anrufen wollte, aber leider einen Zahnarzt anrief und ihm ihre ganzen Sorgen erzählte oder wie sie im Schwimmbad ihre Hose verloren hatte, das aber erst zu spät bemerkt hatte. Ich erzählte ihr auch meine, und am Schluss hatten wir Bauchschmerzen vor Lachen. Gegen halb neun schlossen die Läden, und wir machten uns auf den Weg nach Hause. Claire hatte auch ein Auto, einen kleinen Opel. Die ganze Fahrt über redeten wir über Verschiedenes, bis wir heiser waren. Claire fuhr mit nach Hause, denn sie schlief bei Mel, der dort auf sie wartete. Wir sprachen ab, keinem der beiden Jungs was von unseren Einkäufen zu sagen, wir wollten sie überraschen. Am Ziel huschten wir leise und schnell nach oben und verstauten unsere Kostbarkeiten unten in meinen Schrank. Dann setzten wir uns bequem auf mein Bett, hörten leise Musik und redeten noch mehr. Ich fühlte mich so gut und stark, Claire kam mir vor wie eine Seelenverwandte. Gegen zwei Uhr ging sie zu Mel und ich ins Bett. Morgen war Schule und ich freute mich alle zu treffen.

Woche für Woche machten Mel, Claire, Ben und ich viel zusammen. Wir trafen uns meistens direkt nach der Schule und gingen schwimmen, ins Kino, oder machten einfach gemütliche Nachmittage. Ab und zu unternahmen wir was in Paaren, ab und zu zu zweit mit jemand anderem. Es war superschön, ich hatte mich gut eingelebt und in der Schule lief es auch entsprechend gut. Um ehrlich zu sein, ich hatte es mir nicht so schön vorgestellt, ich hatte aber einfach Glück gehabt. Was mich vielleicht gestört hätte, wäre das Wetter gewesen; mal Regen, mal Sonne, mal Sturm, ab und zu sogar Schnee. Es war wie im April. Aber es war mir egal- ich sah es als „typisch irisches Wetter“.
Die Monsterclique, wie ich sie nannte, die aber eigentlich „Black Hip Hop“ hieß, wurde nicht besser. Oberzicke Veronika, die außerdem mit Marc zusammen den Chef in der Gruppe spielte, machte alle, insbesondere mich, fertig, wo sie nur konnte, wurde dafür aber von Ben und Toby, seinem besten Kumpel und noch ein paar anderen, `gerügt`, um es nett zu sagen. Die anderen aus ihrer Clique, die, wie ich mittlerweile wusste, Joanne, Carsten und Heinz hießen, waren am Anfang auch nicht besser, mit der Zeit jedoch wurden sie zurückhaltender und stiller und versuchten Marc und Veronikas Mobbing ein wenig zu vermindern, was aber nicht viel half. Mir selber machte es nicht viel aus, aber ich hasste Marc und Veronika dafür, dass sie alle möglichen Leute so terrorisierten. Es gab in der Klasse so viele, die stark darunter litten. Zwar versuchten viele zu helfen, aber da dies nur Schüler taten, nützte das nicht viel, denn Lehrer bekamen die Situation entweder nicht mit oder sie kümmerten sich nicht darum. Wenn wir Veronika mal wieder auf ihre Art ansprachen, lachte sie nur: „Was interessiert mich das? Die wollen das doch alle. Sie provozieren mich!“ Ich war immer kurz vorm Platzen. Aber ich hielt mich zurück- bis sie sich eines Tages etwas leistete, dass mich tatsächlich zum Ausflippen brachte.
An diesem Tag war eigentlich alles wie immer. Veronika zickte wie immer herum, warf mir Todesblicke zu, wenn ich Ben küsste, umarmte oder einfach nur mit ihm sprach, und machte mal wieder verschiedene Leute fertig. Ein Mädchen aus meiner Klasse, Lilli, die eine der schlimmsten Mobbing Opfer war, malte mit mir ein Bild, aus purer Langeweile, als Veronika plus Clique auf einmal auf uns zukam. „Hey, Lilli, komm doch mal bitte mit.“ Sie lächelte zuckersüß, und Lilli folgte ihr. Ich traute Veronika nicht und wartete aufgeregt, was diese Schnepfe vorhatte. Aber Lilli kam nicht zurück, stattdessen stolzierte Veronika mit den anderen wieder herein. „Veronika, wo ist Lilli? Was habt ihr mit ihr gemacht?“ - „Keine Ahnung, sie war auf einfach ganz plötzlich weg. Ohne was zu sagen. Hab ich Recht, Marc?“ Dieser nickte nur. Ich glaubte Veronika nicht. Lilli war nicht der Typ, der einfach `abhaute`. Also stand ich auf und machte mich auf die Suche. Was war passiert? Ich lief zuerst zu den Toiletten, da war jedoch nichts. Dann in den Keller. Auch nichts. Wo konnte sie nur sein? Ich blieb stehen und dachte nach. Da kam mir eine Idee. Wir hatten im ersten Stock eine Art Abstellraum für den Hausmeister. Die passenden Schlüssel hingen um die Ecke hinter einem Schein-Bild, wie Mel es immer nannte. Ich wusste davon, weil Mel diese Schlüssel schon oft genug geklaut hatte, um es sich mit Claire gemütlich zu machen. Schnell holte ich sie und schloss die Kammer auf. „Lilli!“ Tatsächlich saß Lilli gefesselt und geknebelt in der Ecke, nicht in der Lage zu rufen. Mit meinem Taschenmesser schnitt ich die Fesseln auf und nahm ihr den Knebel aus dem Mund. Sie rieb sich die Handgelenke. „Danke, Sam! Veronika und Mark haben mich ja aus der Klasse geholt und dann hat Veronika ihre Jungs auf mich gehetzt! Warum tut sie das? Ich habe ihr doch gar nichts getan!“ -„Veronika ist verdammt link. Gegen solche Leute kommt man nur schwer an. Komm wir gehen zurück.“ Sie stand auf und wir verließen den Raum.
In der Klasse angekommen, ging ich stur auf Veronika zu. Ich kochte vor Wut und ich merkte, dass mich alle anstarrten. Aber es war mir egal. „Du Miststück!“ presste ich heraus. „Was zum Teufel soll das? Du machst alle fertig, das wissen wir mittlerweile, aber jetzt…jetzt bist du zu weit gegangen.“ Sie schaute mich scheinheilig an. „Hast du ein Problem, du kleine Schlampe? Du denkst wohl, du bist was Besseres?! Du hast nicht mal Freunde….Jeder hier hat nur Mitleid mit dir. Du bist verzogen, genau wie deine Familie es wahrscheinlich ist, und Lilli und Ben und alle anderen scheinen es auch zu sein.“ Das reichte. Meine Augen blitzten und meine Zähne taten weh, weil ich sie so fest zusammenbiss. Es war genug. Ich holte aus und scheuerte Veronika so fest eine, das sie nach hinten in Marcs Arme überfiel. Doch schnell stand sie wieder auf und rammte mir ihr Knie in den Bauch. Aus unserem Streit wurde eine Prügelei. Verschiedene Leute versuchten uns auseinander zu ziehen, doch es klappte nicht. Auf einmal bekam ich Veronikas Faust ins Gesicht, und dann war da nur noch schwarz.

Als ich aufwachte, lag Veronika neben mir auf dem Boden. Sie war bei Bewusstsein, nur da sie in Marcs starken Armen lag, spielte sie sich gehörig auf- das sah ich an ihrem Gesichtsausdruck. Sie hatte ziemlich viel abbekommen, ein fettes Veilchen am Auge und eine Menge blauer Flecken. Mich dagegen hatte es noch schlimmer erwischt. Mein ganzes Gesicht war dick und geschwollen, meine Lippe hatte geblutet und meine Hüfte tat weh. Aber sonst ging´ s mir relativ gut. Damit meine ich, es war nichts gebrochen oder so. Nach einer Weile stand ich auf, Tanja sah es und tat das gleiche. Alle anderen hielten gespannt den Atem an. Veronika blickte mir lange in die Augen. „Das wirst du büßen, du dreckiges Gift!“ flüsterte sie. Ich lächelte sie nur kalt an, dann drehte sie sich um und verließ die Klasse. Was das Erstaunlichste war: Nur Marc folgte ihr.
Ich war nicht gerade stolz auf mich, doch sofort liefen alle, insbesondere Joanne, Carsten und Heinz auf mich zu. Erst war es still, dann holte Heinz Luft: „ Sam, das was du getan hast, war richtig. Wir drei waren schon lange gegen Veronikas Aktionen, aber das hier…unglaublich. Sie hat es verdient.“ Ich nickte ihm zu. Dann kam Lilli: „ Hey, das war toll. Danke.“ Sie umarmte mich fest. Sekunden später öffnete sich die Tür und Mrs Crea kam herein. Sie schien nichts von unseren Problemen mitbekommen zu haben. Nur schaute sie mich komisch an, begann dann aber sofort mit ihrem Unterricht. Wie immer war es todlangweilig, wir hatten gerade Geschichte, redeten über Bismarck und schliefen beinahe ein. Warum konnten wir nicht einfach über die Gegenwart oder über die Zukunft reden anstatt über die Vergangenheit? Diese Frage stellte ich Mrs ganz nebenbei. Sie schaute mich jedoch nur entsetzt an: „ Samantha! How can you say so terrible things? Speaking about past is very, very important!“ Ich verstand nicht, warum sie diese Frage so schrecklich fand, aber ich gab es auf. Stattdessen dachte ich immer wieder darüber nach, was Veronika denn als Racheplan benutzen könnte. So schlimm würde es wohl nicht werden.

Endlich kam Bens Geburtstag. Er hatte eine große Party organisiert, wollte grillen und `wartete` auf eine Menge Leute. Claire und ich hatten unsere neue Garderobe an, worauf wir mächtig stolz waren- obwohl sie sich als höchst unpraktisch erwiesen. Das führte dazu, dass wir im Laufe des Abends barfuss herumliefen, da uns unsere Füße verdammt wehtaten. Doch wir waren die Stars des Abends. Dann kam das Größte: Als es wieder einmal an der Tür klingelte, trat ein junges Mädchen mit langen, schwarzen Haaren herein. Sie trug eine lässige Jeans und eine Tunika. Ich war erstaunt. Joe war da. Wie hatte sie das geschafft? „Hey, wie geht’s dir? Dieser Mel und seine Freundin haben mich eingeladen. Es sollte eine Überraschung für dich werden.“ Als ich sie nur mit offenem Mund anstarrte, wurde sie unsicher. „Ich dachte du freust dich!“ Das war der Moment, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich fing an zu lachen, auch Joes Mundwinkel zuckten, kurz danach lagen wir uns prustend in den Armen (Kitsch pur). Na ja, bleiben wir beim Thema. Mit den Leuten kam der Alkohol, was mich relativ beängstigte; Joe hatte einmal zuviel getrunken und landete dann mit einer Vergiftung drei Tage im Krankenhaus. Seitdem rühren wir beide kaum noch was an. Zum Glück war Ben so schlau, direkt am Anfang sechs Kästen (nebenbei gesagt: es waren insgesamt zehn) im Keller zu verstecken. Es klingt wahrscheinlich sehr brav, aber das freute mich. Außerdem bemerkte keiner den Verlust und auch ohne Alkohol wurde es eine super Party. Wir spielten Spiele, manche spielten mit, andere nicht, unter anderen diese idiotischen Teile wie Flaschendrehen, Topfschlagen und anderes, und lachten so, bis wir Bauchschmerzen hatten. Es war lustig, neue Leute kennen zu lernen, obwohl manche davon wirklich durchgeknallt waren. Joe und Ben waren sich auch sofort sympathisch, was mich freute. Ben bekam, logischerweise, eine Menge Geschenke- dreiviertel davon war absoluter Schwachsinn (weiß- rosa Porzellanelefanten, BH´ s, verfaulte Kekse, leere CD Hüllen, etc.), doch trotzdem schien er sich darüber zu freuen (wer es glaubt). Um ein Uhr gingen die ersten Gäste, die entweder die laute Musik nicht aushielten oder müde waren, um vier Uhr gingen die letzten. Mel, Claire, Ben, Joe und ich waren die Einzigen, die noch gemütlich im Garten saßen. Wir redeten und redeten und bemerkten gar nicht, wie die Zeit verging. Irgendwann schaute Mel einmal auf seine Swatch, auf die er so stolz war; es war halb sieben morgens. Also quälten wir uns aus den Stühlen. Ich verabschiedete mich von Ben, übermorgen in der Schule würde ich ihn ja wieder sehen, dann machten wir uns auf den Weg. Joe und ich waren total aufgedreht, als sie dann noch Mels Auto sah, platzte sie vor Lachen. Sie berichtete mir, dass sie, wenn es für mich in Ordnung wäre, eine Woche bleiben würde. Für mich in Ordnung? Natürlich war das in Ordnung! Zuhause fielen wir todmüde ins Bett, schliefen auch sofort ein.

Der nächste Tag war sonnig und warm. Joe und ich verbrachten die ganze Zeit am See, picknickten und gingen schwimmen. Unsere Erzählungen hörten gar nicht mehr auf. Ich fand es schön, mit meiner besten Freundin praktisch im Urlaub zu sein. Joe beneidete mich. Während sie im ungemütlichen Deutschland herum hing, verbrachte ich meine Freizeit im schönen Irland, in dem das Wetter zwar auch nicht immer so prickelnd war, aber „ es ist einfach besser! Hier gibt es Spaß, Party und ganz viele nette Menschen.“ - „ Sooo viel Party habe ich hier auch nicht, Joe, ich gehe auch zur Schule und nette Menschen gibt es hoffentlich überall.“ Darauf wusste sie keine Antwort mehr, sondern zuckte nur lachend die Schultern. „Was läuft eigentlich bei dir so in Deutschland? Alles in Ordnung? Werde ich vermisst?“ Ich grinste bei dem Gedanken. Wer sollte MICH schon vermissen! „Na ja, wenn ich es dir sage, versprichst du, mir nicht gleich eine zu scheuern? Ich meine es nämlich ernst!“ Verblüfft schaute ich sie an, doch schon holte sie Luft: „ Rick!“ „Rick?“ – „Rick! Rick fragt jeden Tag nach dir, ob es dir denn gut geht, ob du nicht einsam bist und so weiter. Der Typ ist ein Schwachkopf! Jetzt macht sich Sandra immer an ihn ran, aber er lässt sie immer wieder abblitzen. Sie gibt aber nie auf.“ Ich zog eine Grimasse. Was zum Teufel wollte ich mit Rick? Der Typ war ein Abzieher. Er machte Mädchen an und ließ sie nach einer kurzen Affäre wieder fallen. Ich kannte genug Leute, die auf ihn reingefallen waren und ich hatte mir geschworen, dies nicht zu tun.
Nach einer Weile erzählte ich Joe von Veronika, dem Mobbing und unserer Prügelei. Ich hätte es ihr auch schon viel früher erzählt, aber ich hatte es einfach vergessen. Joe lachte sich schlapp. „Hey, die ist bestimmt eine Seelenverwandte von Sandra, so wie die sich anhört. Die beiden würden sich echt gut verstehen.“ Da stimmte ich ihr zu. Wir verglichen die beiden noch eine Weile, als mir auffiel, das Veronika ewig nicht mehr in der Schule gewesen war, seit unserer Schlacht.
Irgendwann wollten wir zurück, denn wir hatten uns nicht eingecremt und das hatte Folgen gehabt. Joe hatte sehr blasse, empfindliche Haut, ich dagegen war eher dunkler. Wir beeilten uns aus irgendeinem Grund, unsere Sachen zusammen zu packen und spazierten einmal um den See nach Hause, welches ja direkt dahinter lag. In meinem Zimmer angelangt, cremten wir uns gegenseitig erstmal gründlich ein. Joe war ein Krebs geworden, ich hatte ein wenig mehr Glück gehabt!
Fertig eingefettet, spielten wir Kniffel, das Spiel, das Joe mitgebracht hatte, weil ich es besonders hasste. Ich gewann drei zu null!! „Du hast geschummelt! Du konntest das doch noch nie!“ – „Joe! Du kannst einfach nicht verlieren. Sieh es ein, du bist ein Looser!“ Das war mein Urteil; kurz darauf hatte ich mein Kissen im Gesicht, Joe dafür die Decke. Wir kämpften endlos lange miteinander und kreischten wie die Verrückten, so dass auf einmal Mel besorgt herein kam. „Ist etwas passiert? Ich hab nur ein Schreien gehört und ich….“ Weiter kam er nicht, wir hatten ein neues Opfer gefunden. Doch Mel war stark und irgendwie besiegte er uns und wir ruhten uns auf meinem Bett aus. Nach einer Weile stand Mel auf mit der Begründung, dass Claire kommen würde. Das tat sie tatsächlich (warum sollte er lügen?) und eine Stunde später kamen beide mit Kaffee, Kuchen und dem Fernseher zurück. In der Hand hielt Claire die DVD `Van Helsing`. Sie schob den Film rein, als es draußen plötzlich krachte. Ein kräftiges Gewitter begann. Das passte doch zusammen. Es war total gemütlich, von innen, wo es warm war, das Wetter zu beobachten. Gegen zehn kam noch Ben dazu. Wir waren eine richtige Versammlung.

Vier Wochen später, Joe war schon lange wieder in Deutschland, erfuhren wir auf die grausamste Weise, warum Veronika so lange nicht mehr in der Schule gewesen war.
An diesem Tag war alles wie immer. Ich traf mich mit Lilli, Ben und noch ein paar anderen in der Schule am Eingang, von dort gingen wir jeder in seine entsprechende Stunde. Zuerst musste ich noch zu meinem Spind, um meine Bücher zu holen. Auf einmal sah ich sie- Veronika. Sie sah müde und krank aus. Ihre Haare, die sonst haargenau platziert waren, waren zerzaust und ihre guten Kleider hatten Risse. Es sah so aus, als wäre sie diesen Monat quer durch die Wildnis gezogen. Ich beachtete sie nicht, sondern schloss seelenruhig meinen Spind auf- nein, nichts in mir war ruhig. Ich war nervös, gespannt und aufgeregt, was sie vorhatte. Ihr war alles zuzutrauen. Nachdem ich alles Nötige auf dem Arm hatte, wollte ich gehen. Da stand sie neben mir. Ihre Lider flatterten und sie zitterte. „Heute, heute ist es soweit. Ich habe auf Rache geschworen und heute werde ich sie nehmen.“ Ich schaute sie eiskalt an. „Du siehst schlecht aus. Geh zum Arzt, du bist krank. Ich meine es ernst.“ Kurze Zeit wurde sie rot, dann kreischte sie: „Nein! Es ist soweit! Heute! Jetzt gibt es kein Zurück mehr!“ Ich ließ sie stehen und betrat meine Klasse. Ungern gab ich es zu, aber Veronika machte mir Angst. Die Stunden über bekam ich gar nichts mit vom Stoff, den wir behandelten. Dabei war `Shakespeare` mein Lieblingsthema. Meine Gedanken kreisten um Veronika. Ich kannte sie mittlerweile und konnte gut feststellen, wann sie scherzte und wann nicht. Diesmal war es Ernst. Ich machte mir große Sorgen, ich bekam Höllenkopfschmerzen. Nach endlos langer Zeit war dieser grauenhafte Schultag endlich zu Ende.

Zuhause stärkte ich mich erstmal durch das Mittagessen. Als ich durch die Wohnungstür kam, hüpfte Bob mir zuerst in die Arme. Wir verstanden und prächtig, er hatte sich an mich gewöhnt. Nach einer Weile schaffte ich es, mich hinzusetzen. Es schmeckte wirklich gut, aber irgendwann bat ich Melissa darum, in mein Zimmer gehen zu dürfen. Sie bejahte und ich gab Mel noch ein schnelles Zeichen, dass er mir folgen sollte. Er schaute mich fragend an, aber nach ein paar Minuten war er da. „Mel. Ich habe Veronika getroffen…Sie hat mir gedroht, von wegen sie nimmt Rache und so.“ „Mach dir keine Sorgen. Veronika droht viel, wenn der Tag lang ist. Es wird schon nichts passieren!“ Ich war einigermaßen beruhigt, aber in mir knabberte noch die Sorge.
Später, so gegen halb zehn, gingen Mel und ich noch spazieren. Er wollte mir etwas erzählen. Ich bemerkte, dass er aufgeregt war. „Nun rück es schon raus. Was ist los? Ist Claire schwanger, hast du ne neue Freundin oder was? Sag schon.“ Er atmete durch. „Okay! Also. Claire und ich….wir sind verlobt….und wir bekommen tatsächlich ein Kind.“ Mir blieb der Mund offen stehen. Wahnsinn! Melissa und Jim wurden Großeltern! Ich wollte ihm gerade gratulieren, als wir ein lautes Geräusch hörten. Es klang wie… ein Motor.
Innerhalb von einer Sekunde auf die andere schoss ein riesiger Geländewagen auf uns zu. Der Fahrer war…Veronika. Sie steuerte genau auf uns zu. Ich war wie gelähmt, konnte mich nicht von der Stelle bewegen. Dann hörte ich Mel brüllen: „SAM!!! Verschwinde da!!“ Mel rammte mich zur Seite, ich hörte nur noch ein Krachen, dann fiel ich hin und flog mit dem Kopf auf einen Stein. Sofort verlor ich das Bewusstsein.

Das Erste, was ich sah, waren Claire, Bob auf dem Arm von Jim, und Melissa, die um mich herum standen. „Sie ist wieder da. Gott sei dank!“
„Hey Leute, mich gibt’s wieder!“ Ich versuchte frech zu grinsen. Doch als ich die verweinten Gesichter sah, verschwand mein Grinsen ruckartig. Meine Erinnerungen waren zurück. „Wo….wo ist Mel? Was ist mit ihm? Ist er…“ Weiter kam ich nicht. Claire brach weinend zusammen. Ich wusste die Antwort.

Die Beerdigung fand drei Tage später statt. Alle waren da. Natürlich die Familie Crea, Claire, Joe, Ben, alle Studenten und Schüler der High School, sogar Veronika und ihr Ex- Clique. Es war ein verregneter Tag, der Himmel war fast schwarz. Überall liefen Tränen, keine Augen blieben trocken. Es war das Schlimmste was ich je erlebt hatte.
Nach dem Begräbnis am See (Mel hatte mir mal gebeichtet, dass er am See beerdigt werden wolle) saßen Joe, Claire, Ben und ich zusammen in meinem Zimmer. Nachdem Claire das Schweigen durchbrochen hatte, redeten wir über die schönen Zeiten mit Mel und trösteten uns gegenseitig. Auf einmal kam Veronika. Unter vier Augen redeten wir: „Das wollte ich nicht, Sam, es tut mir so leid. Ich wollte euch nur schocken, aber dann habe ich die Kontrolle über den Wagen verloren.“ Sie fing an zu weinen. Zögernd nahm ich sie in den Arm. Ich hatte ihr verziehen. Warum? Ich weiß es nicht.


Epilog

Nach diesem Unfall beschloss ich, in Irland zu bleiben. Keiner hatte was dagegen. Mein Jahr war zu Ende, ich aber verlängerte es um zehn Jahre und wohnte bei Familie Crea.
Claire brauchte lange, sehr lange, um dies alles zu verkraften. Der Schock hatte außerdem traurige Folgen: Sie verlor ihr Baby. Auch sie wurde von der Familie Crea `aufgenommen`.
Mit Ben bin ich noch immer zusammen, mittlerweile haben wir ein Kind, einen Jungen. Wir haben ihn Mel genannt, Joe wurde Patentante und besucht uns jeden Monat. Auch Claire ist immer für uns da, und wir für sie.
Und Veronika? Kaum einer vergab ihr. Sie hat Irland verlassen, verschwand dann ein paar Monate. Doch scheinbar kam sie mit dieser Situation nicht klar und brachte sich um. Man fand sie in einem verschrotteten Auto; sie war gegen einen Baum gefahren und sofort tot gewesen.

Nun, dreizehn Jahre später, weiß ich, das alles, was geschehen ist, nicht mehr rückgängig zu machen ist. Jeder sollte versuchen, nach vorne zu schauen, die Vergangenheit aber trotzdem nicht vergessen.
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